Rutinultrajud

Bei diesem Ultraschall heute überwiegt die Vorfreude!

Wir sind spät dran, als wir um 12:55 Uhr in die Straße des Krankenhauses einbiegen. Also teilen wir uns auf: Chris sucht einen Parkplatz und ich flitze schon mal los, um mich auf der Station anzumelden. Ihr erinnert Euch bestimmt: unsere zehn-Minuten-Frist läuft sonst ab. Aber auch diesmal bin ich mit der Regelung hochzufrieden: Ich habe kaum auf meinem Stuhl im Wartezimmer Platz genommen, als mich eine Hebamme auch schon ins Untersuchungszimmer bittet.

Diesmal steht bei uns der große Routineultraschall an, der auch hier in Schweden rund um die 20. SSW stattfindet. Wir gehen noch kurz meine persönlichen Daten durch, dann heißt es auch schon hinlegen und Bauch freimachen: es kann losgehen. Heute kümmert sich eine ältere Hebamme um uns, der man die Berufserfahrung anmerkt. Jede Einstellung sitzt, mit der sie meinen kleinen Bewohner achsenweise durchscannt. Und Gott-sei-dank ist alles dran und auch alles zeitgemäß entwickelt. 20 cm ist es heute groß, vom Köpfchen bis zu den Füßen gemessen.

Auch das Geschlecht erfahren wir – aber das ist eine andere Geschichte.

Für mich ist der Ultraschall noch aus einem anderen Grund wunderbar: Ich kann bestimmte Empfindungen in meinem Bauch nun eindeutig meinem Kind zuordnen, was mir vorher nicht gelungen ist. Schließlich spüre ich dort eine Menge: das rhythmische Pochen meiner Bauchaorta, das unregelmäßige Gluckern meines Darms und immer öfter noch etwas anderes, das sich das eine Mal wie schwappendes Wasser anfühlt und manchmal wie kitzelnde Luftblasen, die einem beim Tauchen über die Haut streifen. Der Ultraschall hat die Empfindungen am Rande der Wahrnehmungsgrenze sichtbar gemacht. Ich habe durch ihn eine unmittelbare Rückmeldung bekommen: Bewegung – Gefühl. Beinahe wie bei einem Biofeedback-Verfahren.

Zum Abschluss haken wir nochmal nach, damit wir auch alles richtig verstanden haben: dass die Ultraschalluntersuchungen im Krankenhaus abgeschlossen sind und nun die Hebamme in der Vårdcentral wieder die Vorsorge übernimmt. Ja, genauso ist es. Beinahe entschuldigend sagt sie: „In Deutschland wird ja bei fast jeder Untersuchung ein Ultraschall gemacht. Hier nicht.“ Und ergänzt: „Wir machen ebenfalls Ultraschall, sofern es einen Anlass dafür gibt. Aber eben nicht ohne Grund.“

Unser schwedischer Schwangerschaftsratgeber erklärt das so:

Man har hittills inte sett någon skadlig inverkan på barnet men med tanke på att ultrajudet alstrar värme som möjligen skulle kunna påverka barnet bör ultrajud endast användas när det finns en särskild medicinsk anledning och inte bara för att titta in.

Das heißt soviel wie: „Man hat bisher zwar keine schädliche Wirkung von Ultraschall auf das Kind feststellen können, aber er erzeugt Wärme, die das Kind möglicherweise beeinflussen kann. Daher sollte der Ultraschall nur gemacht werden, wenn es einen medizinischen Anlass dafür gibt und nicht, um einfach nur reinzuschauen.“

Und das finde ich auch völlig in Ordnung. Natürlich kann ich mich an meinem Kind nicht satt sehen und würde am liebsten täglich einen Blick auf es werfen. Trotzdem ist es weder Nachlässigkeit noch Verantwortungslosigkeit von den Schweden, es nicht zu tun: Seine Bewegungen zu spüren ist doch Beweis genug, dass es ihm gut geht. Die Hände, Füßchen und inneren Organe, von deren Anwesenheit und Funktionsweise wir uns heute überzeugen konnten, verschwinden nicht einfach wieder. Ob es richtig wächst und sein Herzchen weiterhin schlägt, kann die Hebamme auch ohne Ultraschall überprüfen. Und wenn irgendetwas sein sollte, Blutungen beispielsweise oder vorzeitige Wehen, wird natürlich auch hier sofort ein Ultraschall gemacht.

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Katarina123 bezeichnet das schwedische Gesundheitssystem als „verrückt“ und „zum Kotzen“.
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Isabelle ist von der „sehr rudimentären Betreuung ausschließlich durch Hebammen“ schockiert.

Ich finde es traurig, dass die Schwangerschaftsvorsorge hier in Schweden von vielen Deutschen so oft lapidar als minderwertig und rückständig abgetan wird. Alleine dieser eine Ultraschall führt im Internet zu wahren Shitstorms. Katarina123 beispielsweise bezeichnet das schwedische Gesundheitssystem deshalb als „verrückt“ und „zum Kotzen“ – Ausrufezeichen. Als ginge es um die reine Quantität und nicht etwa darum, ob er nötig ist oder nicht. Auch andere Blogger hinterlassen den Eindruck, als ob man in Schweden als Schwangere völlig alleingelassen würde. Isabelle war von der „sehr rudimentären Betreuung ausschließlich durch Hebammen“ schockiert. Jessica listet auf, welche Untersuchungen hier im Gegensatz zu Deutschland alle völlig unüblich seien. Und Julia und Reik meinen, dass man hier die ersten Wochen nur abwarte und Daumen drücke. Man erwartet jetzt ein „anstelle“ – ja, anstelle von was eigentlich?

Es ist richtig, dass die Schweden zunächst die ersten kritischen zwölf Wochen einer Schwangerschaft vergehen lassen, bevor die eigentliche Vorsorgemaschinerie startet. Denn was bringen die frühen Untersuchungen in Deutschland? Als meine erste Schwangerschaft dort in der sechsten Woche ein jähes Ende fand, war bei meiner Gynäkologin dauerbesetzt. Und die Kollegin im Krankenhaus sagte auch nur, dass man gegen einen so frühen Abort leider nichts machen könne, aber die guten Nachrichten doch überwiegen: „Wir wissen nun, dass Sie schwanger werden können und dass Ihr Körper richtig funktioniert – eben weil er einen kranken Embryo abstößt.“ Sprich: Weder eine Gynäkologin noch ein Ultraschall konnten ihn verhindern.

Ich habe zu diesem ganzen Thema einen sehr interessanten Beitrag gelesen. Er gibt die Rede einer kanadischen Gesundheitswissenschaftlerin wieder, die den Zusammenhang zwischen Ultraschall und dem Risikoverständnis bei Schwangerschaften an deutschen Kliniken erforscht hat. Dort heißt es:

„Meine Forschung ergab, dass die normale deutsche Schwangerenvorsorge den weiblichen Körper an sich als Risiko ansieht (…) und der Ultraschall (…) dazu verwendet [wird], den riskanten Zustand der Schwangeren zu bestätigen. (…) Ärzte kalkulieren Risikofaktoren, um korrekt voraussagen zu können, ob und wie die Schwangerschaft schief gehen wird. Das hat zur Folge, dass in Deutschland viel mehr Schwangere als Risikopatientinnen eingestuft werden als beispielsweise in Schweden.“

Und das, obwohl die Zahlen zum Schwangerschaftsverlauf und Säuglingssterblichkeiten in beiden Ländern vergleichbar sind.

Ganz ehrlich? Ich glaube, dass bei den Deutschen oftmals noch was ganz anderes dahintersteckt. Dass nämlich, was im englischsprachigen Raum als „german angst“ bezeichnet wird: diese unbegründete, diffuse Sorge vor dem, was kommen könnte. Was neu ist, wird erstmal abgelehnt, und ein unbekanntes Risiko mögen die Deutschen gar nicht. Lest Euch diesen Thread durch, dann wisst Ihr, was ich meine. Die meisten Antworten zum Schwangerschaftsverlauf in Schweden sind eine wilde Mischung von Spekulationen, Emotionen und Schauergeschichten, alle gespickt mit dem Quäntchen „Ojeojeoje, wenn das mal gut geht“. Die wenigsten antworten sachlich, beinahe alle lassen ihre persönlichen Ängste einfließen. Eine willkommende Abwechslung sind lediglich die Antworten von Nanna, die drei Kinder in Schweden geboren hat, und Die Vier, die in Schweden als Hebamme arbeitet.

 

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