Ausgebüchst oder ausgesetzt?

Dass ein Hund irgendwo schnuppert, ist normal. Aber dass er vor seiner olfaktorischen Entdeckung zurückweicht, nicht. Himmel, was hat unser Finn nun schon wieder entdeckt?

Nie hat man seine Kamera griffbereit, wenn man sie braucht: Eine Schildkröte hat es sich neben dem Weg unter einem Sauerampfer gemütlich gemacht. Bislang wahrscheinlich ein gemütliches Plätzchen: unmittelbar neben einem prallen Schnittlauchfeld, das täglich gut gewässert wurde. Jetzt aber ist es abgeernet und beinahe ausgetrocknet. Lebt sie noch? Ein leichtes Klopfen auf den Panzer bringt Gewissheit. „Vielen Dank, es geht mir ausgezeichnet. Ich möchte einfach nur hier sitzen“, scheint sie uns mit ihrem zornigen Zischen sagen zu wollen.

Tja, was tun? Mitnehmen oder da lassen? Hat sie an diesem Ort Überlebenschancen? In den nächsten ein, zwei Stunden dürfte sich diese Stelle auf locker 30 Grad aufheizen. Ok, sie ist wechselwarm. Aber so ganz ohne Wasser? Leider hält sich unser Wissen über Schildkröten arg in Grenzen. Land- oder Wasserschildkröte? Ein lästig gewordenes Geschenk aus fernen Landen, das die heimische Fauna aus dem Gleichgewicht bringen würde? Oder eine heimische Art, die aus dem nahen Naturschutzgebiet ausgebüchst ist?

Wer nichts macht, macht nichts falsch, sagt eine Redensart. Aber irgendwie kann das auch nicht der richtige Weg sein. Also haben wir uns für’s Mitnehmen und den Anruf beim Tierheim entschieden. Und sollten die uns auslachen, bringen wir sie mit hochrotem Kopf, aber reinem Gewissen einfach wieder zurück.

Begeistert ist sie nicht, als wir sie auf die Hundefrisbee legen und wie auf einem Präsentierteller nach Hause tragen. Alle paar Minuten startet sie einen Überraschungsangriff, schleudert uns ihre Beine und Kopf entgegen und versucht, zu entkommen. Die übrige Zeit verbringt sie verschanzt und straft uns mit Verachtung.

Sie muss die Wartezeit in der kühlen Badewanne verbringen, bis uns Internetrecherche und die Tierheime der Umgebung weiterhelfen. Wir dürfen sie nach Karlsruhe bringen, wo man sie mit offenen Armen empfangen wird. Dort genügt ein Blick: Die roten Streifen im Gesicht identifizieren sie eindeutig als Rotwangenschildkröte, die kürzeren Krallen und die Größe als ein Weibchen. Als Wasserschildkröte hat sie die typischen platten Füße. Richtig ähnlich sehen ihr diese hier.

Schildkröte
Jetzt heißt es Abschied nehmen, kleine Fili.

Die Art ist ursprünglich in Amerika beheimatet und gehörte offenbar lange zu den meistverkauften Schildkröten im deutschen Tierhandel. Und damit mittlerweile zu den häufigsten in freier Natur – denn irgendwo muss sie ja hin, wenn sie mit ihren 30 Jahren Lebenserwartung nicht mehr in den Alltag passt oder sie ihrem Aquarium entwachsen ist. Dank ihrer robusten Konstitution ist sie hierzulande durchaus lebensfähig und übersteht durch dank Klimawandel sogar mildere Winter. Kann also gut sein, dass sie nicht erst seit gestern im Oberwald lebte.

Ein bisschen erleichtert bin ich, dass wir keine einheimische Schildkröte entführt haben. Jetzt macht sie den Reptilienbereich im Karlsruher Tierheim unsicher. Wer noch ein artgerechtes Plätzchen bei sich zuhause frei hat: www.tierheim-karlsruhe.de.

Einfach nach Fili fragen.

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