Chancen

Ein Artikel in der FAZ hat mich heute sehr nachdenklich gemacht. Es geht darum, wie schwer sich manche Flüchtlinge in Deutschland zurechtfinden. In Schweden ist es nicht anders.

Unser Sfi-Kurs würfelt Menschen verschiedenster Nationalitäten, Religionen, Altersgruppen und Bildungsschichten zusammen. Da sitzt der syrische Arzt neben dem Bäcker aus dem Iran und der eritreische Flüchtling neben dem polnischen Studenten. Was die Sache interessant macht – aber manchmal auch anstrengend.

Auch wir stellen fest, dass es sich manche unserer Klassenkameraden schwerer tun als andere. Nicht immer werden die Aufgabenstellungen im Unterricht von jedem gleich gut verstanden. Ein Problem, das aber nicht nur mit den Sprachkenntnissen zusammenhängt. Oft fehlt einfach das grundsätzliche Verständnis dafür, was eigentlich gemacht werden soll. Es fehlen Methoden, wie man sich organisiert oder lernt. Das Wissen, wo man Informationen herbekommt. Oder eine Vorstellung davon, wie das Berufsleben funktioniert.

„Hey, Chris, es ist lange her“, begrüßt S. meinen Mann. Stimmt, die beiden haben sich beinahe drei Wochen nicht gesehen. So lange war mein Mann nicht in der Schule, weil es sich absolut nicht mit seiner Arbeit vereinbaren ließ. „Hast Du Urlaub gemacht?“, fragt S. „Nein“, erklärt mein Mann. „Ich habe gearbeitet.“ „Ah“, sagt S. „Zuhause. Computer.“ Genau.

Es ist nicht das erste Mal, dass wir dieses Gespräch mit ihm führen. Jedes Mal, wenn wir im Unterricht fehlen, erkundigt er sich anschließend. Anfangs verstand er nicht, wie wir überhaupt fern bleiben können. Immerhin bekämen wir doch Geld dafür. Es hat einige Wochen gedauert, bis unser Schwedisch für die Erkärung gereicht hat, dass wir freiwillig in den Sfi-Kurs gehen. Also ohne finanzielle Gegenleistung. Weil wir ja Jobs haben und nicht erst für den schwedischen Arbeitsmarkt fit gemacht werden müssen. Aber so richtig angekommen ist es nicht.

Auch das mit der Arbeit ist S. immer noch ein Rätsel. Was wir da machen am Computer, mein Mann mit der deutschen Firma und ich mit dem Schreiben. Dass beides jeden Tag neu mit dem Sfi-Kurs kollidiert und wir immer wieder abwägen müssen, ob wir die drei Stunden dafür entbehren können.

S. ist Anfang 20 und vor fast zwei Jahren mit einem Freund aus Eritrea geflüchtet. Wir verstehen ihn nicht immer gut, weil er sich schwer mit dem Schwedischen tut. Er hat einen starken Akzent und oft fehlen uns die entscheidenden Vokabeln. Englisch klappt auch nicht immer. Aber er hat in einem Restaurant gearbeitet, bevor sich beide über Deutschland bis nach Schweden durchgeschlagen haben. Eine Ausbildung hat er aber nicht gemacht. So viel haben wir verstanden.

Darüber unterhalten wir uns, wenn wir ihn nach der Schule im Auto mitnehmen. Anfangs war er der Lehrer und hat uns schwedische Redewendungen beigebracht. Das hat sich schnell geändert. Jetzt fragt er uns. Wie viel ein Führerschein kostet und wie viele Fahrstunden man braucht. Wie lange das Benzin reicht. Ob wir früher in der Schule waren und ob wir studiert haben. Und wer uns bei allem geholfen hat. Er beneidet uns um unser Leben. Und darum, dass wir so schnell Schwedisch lernen.

S. möchte Schreiner werden, wenn er irgendwann den Sfi-Kurs beendet hat. Dafür macht er einen Berufsvorbeitungskurs, den auch das Lehrcenter anbietet. Aber außer ein paar Praktika und Aushilfsjobs ist da noch nichts herausgekommen. Oft fragt er jetzt, ob das schwer ist, was ich tue. Schreiben. Ob ich schnell auf dem Computer bin. Und dann erzählt er, dass er auch einen alten Computer hat und gerne schneller tippen können würde. Denn am Computer arbeiten ist bestimmt lustig. Dann kann man den ganzen Tag Musik hören. S. lacht.

Das sind die Momente, in denen ich Angst habe, dass er mich irgendwann fragt, ob er mir nicht helfen kann. Dass ich dann sagen muss: Es tut mir leid, schnell tippen alle reicht nicht. Du musst auch sicher Lesen und Schreiben können. Etwas studiert haben. Und Disziplin ist wichtig.

Daran fehlt es S. manchmal. Dann kommt er unvorbereitet und ohne Hausaufgaben in die Schule. Manchmal verschläft er auch und hat nicht mal Bücher, Bleistift und Radiergummi dabei. Auch seine Jacke mit Portemonnaie und Busfahrkarte liegt dann noch zuhause. Nur an sein Handy hat er in der Eile gedacht.

Manchmal machen wir auf dem Heimweg einen Zwischenstopp. Einmal, als es das erste Mal so geschneit hat, haben wir im Baumarkt zusammen eine Schneeschaufel gekauft. Chris und ich haben uns für die Teurere entschieden, weil sie einen stabileren Eindruck machte. Umgerechnet etwa 35 Euro hat sie gekostet. S. musste schlucken. „Das ist viel Geld“, sagte er. Momentan spare er gerade auf ein Bett. Ein anderes Mal waren wir zusammen in einem Loppis, den schwedischen Flohmarktgeschäften. Da gab es eine Kaffeemaschine für etwa einen Euro. Die hat ihm gefallen. Gekauft hat er sie nicht.

Zuhause lassen wir ihn vor seinem Wohnhaus raus. Oft fragt er, ob wir noch hineinkommen möchten. Wir lehnen dann ab, weil für uns der Arbeitstag weitergeht. Emails müssen beantwortet werden. Anrufe getätigt, Artikel geschrieben werden. „Ah“, sagt er dann. „Zuhause. Computer.“ Genau.

Er ist so ein lieber Kerl.

Ich wünsche ihm das Allerbeste.

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