Corona-Sommer-Job

(Foto: Philippedelavie / Pixabay)

Rückkehr ins Labor

Ungewohnt ist es, plötzlich morgens wieder eine Stempeluhr im Nacken zu haben. Aber an den pünktlichen Feierabend kann ich mich gewöhnen. Ja, Ihr habt richtig gelesen. Nach Jahren der Selbstständigkeit bin ich ins Angestelltenverhältnis zurückgekehrt. Die ersten beiden Arbeitswochen habe ich bereits hinter mir. Wie lange das Abenteuer geht? Tja, mal sehen …

Oh, in den vergangenen Wochen ist sooo viel passiert, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Vielleicht mit dem Wichtigsten: dem Warum. Eines vorweg: Mir hat die Kombination aus Halbtagsjob und Selbstständigkeit schon immer gut gefallen. Auf der einen Seite ein planbares Einkommen, auf der anderen Seite die Freiheit, etwas Eigenes aufzubauen. In Deutschland hatte ich die letzten Jahre genauso gearbeitet. In Schweden hatte ich das zunächst auch vor. Doch meine Auftragslage war so gut, dass sie sich nicht mit einem Nebenjob vereinbaren ließ. Und dann kam der kleine Sohnemann.

Vill du arbeta som labbassistent i sommar?

Doch nun sieht die Sache anders aus. Corona macht auch mir zu schaffen. Ohne Messen keine Berichterstattung, ohne Branchenveranstaltungen keine Dienstreisen. Meine Auftragszahlen sind weit unter Vorjahresniveau. Selbst das Apothekenmagazin, für das ich schreibe, schiebt meine Artikel von Ausgabe zu Ausgabe. Die Anzeigen fehlen, die Hefte sind dünn. Die Zeiten sind schlecht. Aber ich bin nicht der Typ, der da sitzt und auf bessere Zeiten hofft. Deshalb habe ich die arbetsförmedlingen durchgesehen. Den Sommerjob als Redakteur bei der Smålandsposten habe ich mir nicht zugetraut – Druckqualität hat mein Schwedisch nicht. Aber eine andere Anzeige spricht mich an: „Vill du arbeta som labbassistent i sommar?“

Und so kam es dann. Nun bringe ich meine freien Kapazitäten in der Lebensmittelindustrie ein. Mein Arbeitgeber stellt flüssige Produkte her: Säfte, Saucen und Marinaden zum Beispiel. Weil er keine eigenen Marken hat, sondern nur im Kundenauftrag fertig, ist alles streng geheim. Aber so viel sei verraten: wir produzieren ebenso für international agierende Unternehmen wie Eigenmarken für schwedische Handelsketten. Mein Job ist, die Qualität all dieser Produkte zu überprüfen. Genau: Ich bin im Labor. Ich messe pH-Werte, kontrolliere den Zuckergehalt und checke die Trockenmasse. Und lerne viel Neues! Wusstet Ihr, dass die Membran einer TetraPak-Verpackung beim Öffnen drei Verformungsstadien durchläuft? Nein? Tja, das habe ich mir gedacht. Ich bis dato nämlich auch nicht.

Arbeiten in Schweden und auf Schwedisch

Diese Analysen setzen kein Fachwissen voraus. Aber dass ich eine Ausbildung zur Chemielaborantin mitbringe und während meines Studiums in der Lebensmittelanalytik gearbeitet habe, dürfte sich auf meiner Haben-Seite niedergeschlagen haben. Dann drückt man auch ein Auge zu, wenn ein schwedischer Satz etwas holprig herauskommt. Denn der gesamte Bewerbungsprozess lief auf Schwedisch ab. Das macht mich am meisten stolz: dass meine erste Bewerbung hier in Schweden gleich ein Treffer war. Nur einen Tag, nachdem ich meine Unterlagen mit „Senden“ auf den Weg gebracht hatte, kam die Einladung zum Bewerbungsgespräch. Eine Web-Konferenz und eine Betriebsführung folgten. Und irgendwann kam die Zusage.

Ich fühle mich wohl dort. Die Kollegen sind nett und hilfsbereit. Die Laborroutine macht mir allerdings etwas zu schaffen. Dass war schon während meiner Ausbildung so und hatte damals den Ausschlag gegeben, nochmal umzusatteln. Aber feste Arbeitszeiten haben Vorteile. Hier lasse ich sprichtwörtlich den Stift fallen. Sobald ich ausgestempelt und Kittel, Häubchen, T-Shirt und Hose in den großen Wäschesack geworfen habe, habe ich Feierabend. Keine Telefonate mit Kunden noch kurz vorm Feierabend, keine unvorhergesehenen Artikel übers Wochenende. Und ein planbares Einkommen.

Job mit Perspektive

Mal sehen, wie es mit meinem Corona-Sommer-Job weitergeht. Vorerst ist mein Arbeitsvertrag auf ein halbes Jahr befristet. Aber im Sommer wird sich eine Kollegin in den Ruhestand verabschieden. Wenn es mir gefällt und alle mit mir zufrieden sind, könnte ich dann unbefristet einsteigen. Das würde mir gefallen, wenn wir uns stundenmäßig einigen können. Meine eigene Kunden werde ich nämlich auch weiterhin mit Artikeln versorgen. Und natürlich kam gestern wieder eine große Anfrage rein. Übers Wochenende werde ich Kostenvoranschläge fertig machen. Mal sehen. Wie sagt man hier?

Det löser sig!


 

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