Semesterlön

Das Urlaubsgeld ist in Schweden durch das Semesterlag geregelt (Foto: Sveriges Riksbank).

Erst in Vorleistung gehen, dann kassieren

Wer in Schweden arbeitet, könnte bei seinem ersten Urlaub enttäuscht sein: Während man in Deutschland mindestens sein übliches Gehalt kriegt und vielleicht sogar noch ein Urlaubsgeld on-top, bleibt hierzulande das Konto leer. Den bezahlten Urlaub muss man sich erst verdienen – es sei denn, man hat mit seinem Arbeitgeber etwas anderes ausgemacht.

Ich weiß noch, wie mich Kivra damals über meine Gehaltsabrechnung informierte. Ich loggte mich ein, lud das pdf-Dokument runter und dachte: Hä? So wenig? Wo ist mein Gehalt? Um das zu verstehen, müsst Ihr zwei Dinge wissen: dass a) mein Ausflug in das schwedische Angestelltenverhältnis eigentlich nur als Sommerjob gedacht war, in dem ursprünglich gar kein Urlaub vorgesehen war, und dass b) schwedische Arbeitsverträge kurz sind. Alles, was nämlich ohnehin bereits gesetzlich geregelt ist, wird dort nicht nochmal extra erwähnt.

Im semesterlag, dem Urlaubsgesetz, haben die Schweden alles geregelt, was irgendwie mit Urlaub zu tun hat: den Urlaubsanspruch und das Urlaubsgeld zum Beispiel. Zwei Wörter sind in dem Zusammenhang sehr wichtig: intjänandeår und semesterår.

Intjänandeår und semesterår

Intjänandeår (tjäna = verdienen) bedeutet so viel wie: „Jahr, in dem man sich seinen bezahlen Urlaub verdient“. Semesterår ist das Urlaubsjahr. Für beide Zeiträume hat das Gesetz den Zeitraum vom 1. April bis 31. März des Folgejahres definiert. Das semesterår schließt sich an das intjänandeår an.

Und noch etwas solltet Ihr wissen: Obwohl semesterlön übersetzt wörtlich „Urlaubsgeld“ heißt, bedeutet der Begriff in Schweden etwas anderes: es ist die Summe aus dem normalen monatlichen Urlaubsentgeld plus einem kleinen Zuschlag, der die höheren Lebenshaltungskosten während des Urlaubs abpuffern soll. Man sollte es also eher mit „bezahltem Urlaub“ übersetzen. Die deutsche Bedeutung von „Urlaubsgeld“ kennt Ihr: eine freiwillige on-top-Leistung des Arbeitgebers, die auf das normale Gehalt draufgeschlagen wird.

Med semesterår avses tiden från och med den 1 april ett år till och med den 31 mars påföljande år. Motsvarande tid närmast före ett semesterår kallas intjänandeår.§3 Semesterlag

„Mit semesterår wird der Zeitraum vom 1. April eines Jahres bis zum 31. März des Folgejahres bezeichnet. Die entsprechende Zeit unmittelbar vor einem semesterår wird intjänandeår genannt.“

Urlaubsgeld ist nicht gleich Urlaubsgeld

In Deutschland ist es also so, dass selbst diejenigen, die von ihrem Arbeitgeber kein Urlaubsgeld ausbezahlt bekommen, während des Urlaubs immer noch ihr normales Gehalt erhalten (Urlaubsentgeld). In Schweden nicht. Meine Verwunderung, als ich meine Gehaltsabrechung anschaute, rührte daher, dass mir in meinem Urlaub überhaupt kein Gehalt ausbezahlt wurde.

Und das ist so:

Laut semesterlagen muss man sich seinen Anspruch auf bezahlten Urlaub erst verdienen. Berechnungsgrundlage ist der Zeitraum vom 1. April bis zum 31. März des Folgejahres. An diesem Zeitraum orientieren sich die 25 Urlaubstage der Schweden und ihr semesterlön. Das heißt: Der erste Zeitraum vom 1. April bis zum 31. März des Folgejahres bei einem Arbeitgeber ist das intjänandeår, in dem man in Vorleistung geht und sich seinen semesterlön verdient. Der gleiche Zeitraum im Jahr darauf ist das semesterår, in dem man die Früchte seiner Arbeit einfährt. Das Urlaubsgesetz gilt Schwedentypisch übrigens für alle: Festangestellte, Teil- und Elternzeitler, Aushilfen oder den Geschäftsführer.

Im dritten Jahr ist der Urlaub bezahlt

In der Praxis bedeutet das: Wer seinen neuen Job beispielsweise am 1. Juni beginnt, hat zwar Anspruch auf seine 25 Urlaubstage, aber nicht auf semesterlön. Ist ja klar: man hat noch kein intjänandeår hinter sich gebracht. Man bekommt in diesem ersten Jahr also nur die Wochen bezahlt, die man auch arbeitet.

Im zweiten Jahr sieht die Sache besser aus. Wer dann noch im gleichen Unternehmen beschäftigt ist, hat wenigstens einen Teil des intjänandeår hinter sich gebracht: den Zeitraum vom 1. Juni des Vorjahres bis zum 31. März nämlich. In diesen zehn Monaten hat man sich Anspruch auf 21 bezahlte Urlaubstage erarbeitet. Die übrigen 4 sind weiterhin unbezahlt.

Im dritten Jahr hat man es endlich geschafft: Wer dann immer noch im gleichen Unternehmen beschäftigt ist, hat erstmals ein komplettes intjänandeår abgeschlossen und sich seinen vollen semesterlön verdient. Vom 1. April an hat man Zugang zu 25 bezahlten Urlaubstagen.

Manche Arbeitgeber machen es anders

Die gute Nachricht aber ist, dass sich nicht alle Arbeitgeber und Branchen an das Gesetz halten. Inbesondere, wenn Gewerkschaften im Spiel sind, werden oft andere Zeiträume für intjänandeår und semesterår vereinbart. Die am häufigsten vereinbarte Abweichung vom Gesetz besteht darin, dass das semesterår auf den Zeitraum vom 1. Januar und dem 31. Dezember gelegt wird. Eine weitere häufige Abweichung ist, dass intjänandeår und semesterår zeitlich deckungsgleich sind. Im diesem Fall muss man seinen semesterlön nicht im Voraus verdienen, sondern bekommt es schon im ersten Urlaub ausgezahlt.

Mein Tipp Mein Tipp
Ihr wollt in Schweden leben und dort unter die Arbeitnehmer gehen? Besprecht mit Eurem künftigen Arbeitgeber in Schweden, wie intjänandeår und semesterår geregelt sind; also ob sie zeitlich deckungsgleich sind oder nicht. Sonst gibt es vielleicht im ersten Urlaub ein böses Erwachen.

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