Sfi-Kurs

"The best teachers are those who show you where to look, but don't tell you what to see." (Alexandra K.Trenfor)
Da ist was Wahres dran: Der schöne Spruch von Alexandra K. Trenfor hängt bei uns in der Schule an der Pinnwand.

Im Schwedischkurs für Einwanderer

Thank god it’s friday – endlich Wochenende. Wir sind müde, denn die Arbeit und unser Sprachkurs fordern uns momentan einiges ab. Aber er macht riesig Spaß und wir lernen eine Menge. Vor allem in der Pause.

Dann versuchen wir nämlich, mit unseren neuen Klassenkameraden aus Polen, Afghanistan, Syrien und Eritrea Smalltalk zu halten. Weil uns kein Englisch weiterbringt, müssen wir es wohl oder übel auf Schwedisch versuchen. Das klappt mittelprächtig, weil unser aktiver Wortschatz extrem begrenzt ist. Die anderen leben schon länger hier und tun sich mit Alltagsgesprächen sehr viel leichter. Aber wir geben uns alle große Mühe und meist kommt auch eine Unterhaltung in Gang.

Eine willkommende Abwechslung ist es daher, wenn man sich über Dinge unterhält, die keine Worte brauchen: Musik zum Beispiel. Und so kann es vorkommen, dass Rammstein zur deutsch-kurdischen Völkerverständigung beiträgt. Salah hat sich auf jeden Fall riesig gefreut, als ich ihm sagen konnte, dass das Lied auf seinem Smartphone „Frühling in Paris“ heißt.

Auftakt in Kurs 2C

Seit November 2015 nehmen Chris und ich am Sfi-Kurs teil. Das ist die Abkürzung für Svenska för invandrare, den staatlichen Sprachkurs für Einwanderer. Rektorin Lena hat uns in den Kurs 2C gesteckt, der für fortgeschrittene Anfänger (A-D) gedacht ist und ein mittleres Lerntempo (1-3) anschlägt. So viel Auswahl gab es auch nicht: Den schnellen 3er-Kurs haben wir uns nicht zugetraut, denn in stressigen Arbeitsphasen müssen wir auch mal einen Tag ausfallen lassen. Und der A-Kurs für Leute ohne Vorkenntnisse ist angesichts der derzeitigen Flüchtlingssituation völlig überlaufen.

Seitdem fahren wir fünfmal die Woche nach dem Mittagessen ins 30 Kilometer entfernte Tingsryd und lernen Schwedisch. 2,5 Stunden dauert der tägliche Unterrichtsblock, zuzüglich Fahrzeit. Das ist ein langer Tag, denn wenn wir am späten Nachmittag wieder zuhause sind, fahren wir den Rechner wieder hoch und arbeiten weiter. Wie lange wie uns ein solches Pensum aufhalsen wollen? Tja, das wird man sehen müssen. Hängt davon ab, wie gut wir uns anstellen 😉 Ein Jahr ist nicht unrealistisch. Aber hat irgendjemand behauptet, dass Auswandern einfach ist?

Gemütliches Tempo mit Wiederholungen

Dafür ist der Unterricht wirklich entspannt. Er ist schwedentypisch, was bedeutet, dass er im Vergleich zu Deutschland ein eher gemütliches Tempo anschlägt. In den ersten Wochen war für uns alles Wiederholung, weil wir den Stoff aus dem Schwedischkurs an der Volkshochschule schon kannten. Anfang waren wir damit recht glücklich. So konnten wir auch mal mit gutem Gewissen einen Tag ausfallen lassen, wenn es arbeitsmäßig zu eng wird. Über die Wochen hat das Lernkonzept angefangen, mich zu nerven. Es ist an einem mit unbekannten Pädagogen ausgerichtet, der die Vorzüge von Wiederholungen gepredigt hat. Nicht falsch verstehen: Wiederholungen sind wichtig. Aber dafür möchte ich nicht extra in die Schule fahren müssen. Wiederholen kann ich genauso gut zu Hause, während ich in der Schule lieber die Regeln beigebracht bekomme.

Unsere Lehrer sprechen schwedentypisch natürlich fließend Englisch. Das erleichtert die Sache schon sehr, wenn sie uns die Bedeutung einer Vokabel schnell rüberrufen können. Ansonsten ist die Schule mit iPads ausgerüstet, damit jeder die Vokabeln bei Google nachschlagen kann. Ja, ebenfalls schwedentypisch sollte man sich von dem kleinen Schulgebäude optisch nicht täuschen lassen: Die Ausstattung ist tipp-top. Zudem sind iPads wahrscheinlich immer noch billiger, als Wörterbücher in allen Sprachen der Welt vorrätig zu haben 😉 Ach so: An Laptops für Online-Übungen herrscht auch kein Mangel.

Unter den Besten beim Test

Im ganzen Dezember stand das Thema „Weihnachten“ auf dem Lehrplan. Wir haben viel über schwedische Weihnachtstraditionen erfahren, schwedische Vokabeln gelernt und Filme geschaut. Irgendwann vor Weihnachten war ein Test angekündigt, für den wir uns den Übungszettel noch einmal anschauen sollten. Weil uns auch die Zeit gefehlt hat, haben wir das im Auto erledigt. Manche Dinge verlernt man nie: Chris ist gefahren, ich habe uns den Text vorgelesen. Übersetzt haben wir ihn dann gemeinsam. Aber es hat gereicht, wir haben unsere schriftliche Hausaufgabenkontrolle bestanden. Und das sogar recht gut: Im Klassenvergleich waren wir unter den Besten und haben dafür von unseren Klassenkameraden viel Lob bekommen.

Unsere Lehrerin hingegen war enttäuscht. Es war ihr letzter Tag mit uns, bevor sie die Klassen wechseln würde. Sie hatte Tee und Kekse dabei und gehofft, dass sich alle nochmal besonders viel Mühe geben würden. Man hat den dicken Kloß in ihrem Hals gemerkt, als sie unseren Klassenkameraden eine ordentliche Standpauke gehalten hat, dass man auf 20 Vokabeln in einem Lückentext nicht vorbereitet sein kann. Auf dem Weg zur Pause hat sie Chris und mich abgefangen, um alleine mit uns zu reden. Sie wolle mit unserer künftigen Lehrerin sprechen, damit wir in einen schnelleren Kurs wechseln. „Ihr habt studiert, ihr seid gut ausgebildet. Ihr passt hier nicht rein“, sagte sie.

Ganz ehrlich? Ihr passt hier nicht rein.Unsere Lehrerin

Mix der Kulturen

Ein bisschen kann ich ihren Frust verstehen. Unser Sfi-Kurs würfelt Menschen verschiedenster Nationalitäten, Religionen, Altersgruppen und Bildungsschichten zusammen. Da sitzt der syrische Arzt neben dem Bäcker aus dem Iran und der eritreische Flüchtling neben dem polnischen Studenten. Was die Sache interessant macht – aber manchmal auch anstrengend. Manche unserer Klassenkameraden tun sich schwerer mit der Schule als andere. Nicht immer werden die Aufgabenstellungen im Unterricht von jedem gleich gut verstanden. Ein Problem, das nicht nur mit den Sprachkenntnissen zusammenhängt. Oft fehlt einfach das grundsätzliche Verständnis dafür, was eigentlich gemacht werden soll. Es fehlen Methoden, wie man sich organisiert oder lernt. Das Wissen, wo man Informationen herbekommt.

Oft fehlt es auch an Disziplin. Es sind immer die gleichen Klassenkameraden, die sich unterhalten und den Unterricht stören. Oft sind es Männer aus Kulturen, in den Frauen in der Öffentlichkeit nicht gleichberechtig sind. Auch ich bekomme das zu spüren. In einer Gruppenarbeit letztens sollten wir unsere gemeinsamen Erkenntnisse schriftlich festhalten. Mein Klassenkamerad lehnte sich auf dem Stuhl zurück, schob mir den Zettel rüber und sagte: „Schreib.“ „Nein“, sagte ich. „Schreib selbst.“ Manchmal habe ich das Gefühl, dass manche unserer Klassenkameraden gar nicht schnell mit dem Sfi-Kurs fertig werden möchten. Nicht völlig aus der Luft gegriffen, wenn man bedenkt, dass die finanzielle Unterstützung an die Teilnahme gekoppelt ist.

Wechsel in den schnelleren Kurs

Unsere Lehrerin hat Wort gehalten: Im Februar werden die Klassen in unserem Sfi-Kurs neu sortiert. Chris und ich werden dann in den schnelleren 3C-Kurs wechseln. Ja, da haben wir wohl etwas arg tief gestapelt: 2C war schon wirklich sehr langsam. Es spricht zwar nichts gegen regelmäßige Wiederholung. Aber mehrere Wochen lang Fragewörter üben, strapaziert schon arg die Geduldsschnur. Jetzt geht es hoffentlich etwas schneller voran!

Der Sfi-Kurs in Kürze Der Sfi-Kurs in Kürze
Sfi ist die Abkürzung für Svenska för invandrare, den staatlichen Sprachkurs für Einwanderer. Sobald man eine Personennummer erhalten hat, kann man sich bei den Kommunen für die Teilnahme anmelden. Der Kurs steht Einwanderern zu und ist kostenlos.


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