Ukrainakrig

(Foto: Arvid Steen / Myndigheten för samhällsskydd och beredskap)

Vorbereitet sein auf das, was kommen kann

Vor ein paar Tagen hat mich Facebook erinnert, dass seit meinem letzten Post dort schon eine Weile vergangen ist. Stimmt, still war es dort in den vergangenen Wochen. Andere Blogger sind schon dabei, die Urlaubsvorfreude ihrer Leser zu schüren. Auch ich hatte viel vor, wollte wieder auf die Semla aufmerksam machen. Mir fällt das schwer momentan. Wenn man in Schweden lebt und die Ängste und Sorgen der Menschen hier mitbekommt, liegen die Schwerpunkte anders. Aber ich finde, dass macht meinen Blog auch aus.

Ich möchte lieber von den Menschen hier erzählen. Wie sie mit dem Krieg in der Ukraine umgehen.  

Kollegen sorgen sich

Tja, wie gehen sie damit um? Gute Frage eigentlich! Ist ja nicht so, als ob die Schweden ihr Herz auf der Zunge tragen würden. Aber sie sind nachdenklich, das merke ich. Meine Arbeitskollegen suchen oft das Gespräch mit mir, fragen, wie die Deutschen über den Krieg denken. Sprechen mich auf die 5.000 Schutzhelme an und die Panzerlieferungen. Meine direkten Kollegen haben Angst: viele haben Migrationshintergrund. Die eine Kollegin kommt aus Mazedonien, die zweite aus Rumänien, die dritte aus Moldavien und alle haben noch Familie und Verwandte dort. Sie befürchten, dass der Krieg von der Ukraine auf die angrenzenden Länder übergreifen könnte. Auch die Einschätzung meines finnischen Kollegen ist interessant: er hofft, dass Finnland und Schweden bald der Nato beitreten. Für den Ernstfall.  

Supermärkte bemerken Vorratskäufe

Die Zeitungen berichten, dass die Supermärkte eine verstärkte Nachfrage nach typischen Produkten zur Vorratshaltung wahrnehmen. Im Biltema in Veddesta außerhalb von Järfälla waren schon nach dem ersten Kriegswochenende die großen Wasser- und Benzinkanister ausverkauft. Beim Willys in Eskilstuna bevorraten sich die Kunden mit Nudeln, Reis, Konserven und Campingkochern. Die Schweden tun also genau das, was uns die schwedische Regierung schon lange ans Herz legt: vorbereitet zu sein.  

Om krisen eller kriget kommer

Eine Woche lang, das empfiehlt nämlich das schwedische Myndigheten för samhällsskydd och beredskap (MSB), sollte man mindestens alleine klarkommen können. Das bedeutet, genügend Wasser und Lebensmittel zu Hause haben, aber auch Zugang zu Wärme und Informationen – weil zum Beispiel der Strom ausgefallen ist. Vorbereitet auf was? „Obwohl Schweden sicherer ist als andere Länder, gibt es dennoch Bedrohungen unserer Sicherheit und Unabhängigkeit“, heißt es in der Broschüre Om krisen eller kriget kommer. 2018 hatten wir und 4,9 Millionen andere schwedische Haushalte ihre Neuauflage im Briefkasten.

Foto: MSB

Anders als die Erstauflage von 1943 geht es diesmal nicht nur um den Kriegsfall, sondern auch um die Folgen extremer Wetterereignisse, Terroranschläge und Hackerangriffe. Leser des Heftchens erfahren auch, wie Fake News zu erkennen sind. Deshalb stellt die Broschüre auch klar: „Wenn Schweden von einer fremden Nation angegriffen wird, werden wir niemals kapitulieren. Alle derartigen Aufforderungen, den Widerstand aufzugeben, sind gefälscht.“

Panzer auf Gotland

Das Heft wurde zu einem Zeitpunkt in Umlauf gebracht, an dem hier in Schweden intensiv über das Thema Sicherheit diskutiert wurde. Hintergrund war einmal die Annexion der Krim durch Russland im Jahr 2014, aber auch spätere Vorfälle, bei denen russische Flugzeuge und U-Boote in schwedisches Gebiet vorgedrungen sein sollen. Das Gefühl der Bedrohung durch Russland ist nicht weniger geworden seitdem. Insbesondere Gotland, nur 330 Kilometer vom Hauptstützpunkt der russischen Flotte in Kaliningrad entfernt, befindet sich angesichts verstärkter russischer Aktivitäten in der Ostsee in erhöhter Alarmbereitschaft. Seit Januar hat Schweden deshalb Panzerfahrzeuge auf Gotland stationiert und lässt Soldaten patrouillieren.

Mehr Geld in Verteidigung

Als Konsequenz des Krieges gegen die Ukraine will nun auch die sozialdemokratische Minderheitsregierung den Verteidigungshaushalt deutlich erhöhen. Die Militärausgaben sollen so bald wie möglich 2 Prozent des BIP erreichen. Darüber hinaus sollen auch mehr junge Menschen zum Wehrdienst eingezogen werden, erklärten Verteidigungsminister Peter Hultqvist, Ministerpräsidentin Magdalena Andersson und Finanzminister Mikael Damberg auf einer gemeinsamen Pressekonferenz am 10. März. Denn: Schweden hat die Wehrpflicht bereits 2017 wieder eingeführt, eine weitere Reaktion auf die Annexion der Krim damals. Mehrere tausend junge Frauen und Männer bekommen seitdem jährlich einen Einberufungsbescheid.

Tingsryds kommun erinnert an Schutzräume

Die Tingsryds kommun berichtet, dass sie verstärkt Fragen nach Schutzräumen erhält und hat dies zum Anlass genommen, die wichtigsten Infos für die Bevölkerung zusammenzustellen. In Schweden gibt es ungefähr 65.000 Schutzräume, die etwa sieben Millionen Menschen Platz bieten. Sie können in den verschiedensten Gebäuden untergebracht sein, zum Beispiel in Wohnblöcken oder Industrieanlagen. In Friedenszeiten sind sie wahrscheinlich mit Fahrrädern und Ersatzreifen vollgestellt; sobald aber die schwedische Regierung die höjd beredskap (dt: „erhöhte Bereitschaft“) ausruft, müssen sie innerhalb von zwei Tagen einsatzbereit sein.

Foto: MSB

Apotek Hjärtat informiert über Jodtabletten

Auch die Apotek Hjärtat bekommt nach eigenen Aussagen viele Anfragen zur Ausstattung der Hausapotheke, zur Arzneimittelversorgung und zu Jodtabletten. Anfang März hatte sie deshalb zum Lifestream eingeladen, um die wichtigsten Fragen zu klären. Die Sendung wurde aufgezeichnet und kann auf www.apotekhjärtat.se im Nachhinein angesehen werden.

Spritpreise auf Rekordhoch

Aber noch haben wir keine höjd beredskap. Noch geht das Leben hier so seinen Gang. Ein anderes Problem ist derzeit viel akuter: die Spritpreise hier. Ein Liter 98/E5 kostet momentan zwischen 20,70 und 23,25 Kronen, also sogar etwas über dem deutschen Niveau. Der Liter Diesel kratzt an der 25,00 Kronen-Marke. Aber die Wege hier sind weit und hier auf dem Land gibt es im Alltag zum Auto praktisch keine Alternative. Arbeitskollegen von mir reisen jeden Tag aus Kalmar an, sind also hin und zurück fast drei Stunden unterwegs. In der Steuererklärung kann man hier aber nur den Betrag geltend machen, der die 11.000 Kronen Eigenbeteiligung übersteigt. Und der berechnet sich mit 18,50 Kronen pro schwedischer Meile (10km). Das ist nicht viel. Die erste Kollegin hat schon gekündigt, andere überlegen, dies zu tun.



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