Vaccination

(Fotos: Naina Helén Jåma / imagebank.sweden.se)

Für mich, für Dich, für alle

Nur zusammen sind wir stark: mit einer Impfquote von 75,9 Prozent (voll geimpft) bzw. 83,4 Prozent (mindestens einfach geimpft) hat sich die schwedische Bevölkerung weitere Lockerungen der Corona-Maßnahmen verdient. Nun fallen hier in Schweden vom 29. September an die nächsten Einschränkungen weg. Ungeimpfte sind weiterhin in der Pflicht: sie sollen Abstand halten und den Kontakt zu Risikogruppen vermeiden.

Konkret heißt das:

  • keine Teilnehmerobergrenzen mehr für öffentliche Versammlungen und öffentliche Veranstaltungen,
  • keine Teilnehmerobergrenzen mehr für private Zusammenkünfte in z.B. gemietete Räumlichkeiten,
  • keine Restriktionen mehr in Restaurants, was den Zwang zum Sitzen, die Größe von Gesellschaften und den Abstand zueinander angeht,
  • keine Empfehlung mehr, von zu Hause aus zu arbeiten.

„Insgesamt haben wir eine gute Impfquote, die im September steigen wird, während die Zahl der schweren Krankheitsfälle und die Zahl der Todesfälle niedrigere Werte erreicht haben. Es ist daher an der Zeit, die Beschränkungen weiter aufzuheben“, sagt Johan Carlson, Generaldirektor des Folkhälsomyndigheten.

Freiräume als Belohnung fürs Impfen

Diese Freiräume gelten so lange, wie die Situation stabil ist. Sollte sich die Entwicklung umkehren, ist es möglich, dass bestimmte Maßnahmen wieder eingeführt werden. Die Aufforderung, sich impfen zu lassen, gilt weiterhin: „Impfen ist das effektivste Werkzeug, das wir haben. Die wichtige Arbeit, Menschen und Gruppen zu erreichen, die sich noch nicht haben impfen lassen, muss fortgesetzt werden“, sagt Johan Carlson. Deshalb gelten für Ungeimpfte bestimmte Maßnahmen weiterhin: Sie sollen Abstand zu anderen halten und den Kontakt zu Risikogruppen und Personen, die 70 Jahre und älter sind, vermeiden. Personen unter 18 Jahren oder Personen, denen aus medizinischen Gründen vom Impfen abgeraten wurde, sind davon ausgenommen.

Auch mein Arbeitgeber lockert die Maßnahmen. Das Tragen eines Mundschutzes ist wieder freiwillig und die Schichten kehren in ihr gewohntes Zeitfenster zurück. Zwischenzeitlich haben die einzelnen Abteilungen zeitversetzt gearbeitet, damit es nicht zu Gedränge an der Stempeluhr und in den Umkleideräumen kommt. Wie es weitergeht, hängt von uns ab. Eine Mitarbeiterbefragung zur Impfsituation wird zeigen, ob wir uns weitere Lockerungen leisten können. Ich hoffe, dass die Quote in meiner Firma mindestens so gut ist wie im gesamten Schweden.

Die Wahl haben und sich trotzdem impfen lassen

Trotzdem gibt es auch hier Menschen, die sich gegen eine Impfung entscheiden. Eine davon ist eine deutsche Einwanderin, mit der ich mich letztens unterhalten habe. Ihre Gründe erschließen sich mir nicht; es war ein wirres Kauderwelsch aus „Irrsinn“, „Wahnsinn“ und „hat mit mir nichts zu tun“. Und deshalb sei sie so froh, in Schweden zu leben und nicht mehr in Deutschland. Weil hier mehr Freiheiten herrschen und niemand gezwungen wird. Jawoll. Einzig, als ich ihr von den Maßnahmen meines Arbeitgebers erzähle, ist sie überrascht: „Machen die Schweden auch so komische Sachen?“ Was mich wiederum überrascht; dass man in Schweden leben, aber gleichzeitig so uninformiert sein kann.

Mein Eindruck ist, dass sie eine Sache über die Schweden nicht verstanden hat: dass sie keinen Druck brauchen. Dass sie die Wahl haben, aber sich trotzdem impfen lassen. Obwohl viele Corona-Maßnahmen hier eher auf freiwilliger Basis stattgefunden haben, wurden sie umgesetzt – und nicht diskutiert oder demonstriert. Der Zusammenhalt in der Gesellschaft und die Bereitschaft, etwas für die Anderen zu tun, sind hier noch größer als in Deutschland. Dafür sind die Impfzahlen das beste Beispiel. Und deshalb bin ich auch so froh, die Pandemie in Schweden erlebt zu haben.

Impfen als Beispiel für das Gefangenendilemma

Die Spieltheorie gibt der Frau Recht. Ungeimpfte, die sich unter die Geimpften mischen, sammeln beide Vorteile: sie meiden das Risiko möglicher Nebenwirkungen und profitieren von der Impfquote der Anderen. Diese Situation bildet das Gefangenendilemma ab, das ich in irgendeinem wirtschaftlichen Modul damals im Studium kennengelernt habe. Es beschreibt eine Situation, in der zwei Komplizen getrennt voneinander verhört werden. Nun gilt die Kronzeugenregelung: wer gesteht und damit den Komplizen ausliefert, erhält Strafmilderung, während der Belastete eine verschärfte Bestrafung erhält. Das Dilemma liegt darin, dass keiner weiß, was der andere sagen wird. Aus der Perspektive des Einzelnen ist ein Geständnis vorteilhaft. Folglich setzen sie sich einer Bestrafung aus, der sie durch gemeinsames Leugnen hätten ausweichen können.

Damals sollten wir weitere Beispiele finden, wofür uns allerdings die Phantasie fehlte. Unser Professor hat das Dilemma dann auf die Umweltschutz-Bemühungen von Unternehmen übertragen: Filteranlagen einbauen, ja/nein. Heute denke ich oft: Impfen. Impfen ist das Paradebeispiel für das Gefangenendilemma. Warum kam damals niemand drauf? Vielleicht, weil sich keiner von uns vorstellen konnte, dass dort ein Dilemma dahinter steckt.

Das Gefangenendilemma
Die Bevölkerung
lässt sich impfen
Die Bevölkerung
lässt sich nicht impfen
Der Einzelne lässt sich impfenAlle tragen ein Risiko, alle profitieren von der ImpfquoteDer Einzelne trägt das Risiko, aber die Impfquote reicht nicht, um Corona auszurotten
Der Einzelne lässt sich nicht impfenDer Einzelne hat kein Risiko, aber er profitiert von der Impfquote der BevölkerungKeiner trägt das Impfrisiko, Corona bleibt ein ständiger Begleiter

Die großen Probleme unserer Zeit können wir nur gemeinsam lösen. Ich bin froh, dass ich geimpft bin und einen Beitrag leisten konnte, dass die Maßnahmen hier in Schweden zurückgefahren werden. Hoffentlich ist es von Dauer. Von den Ungeimpften wünsche ich mir, dass sie ebenfalls ihren Beitrag leisten und wenigstens weiterhin Abstand halten.

Die Quellen im Original Die Quellen im Original
Die Meldung des Folkhälsomyndigheten zu den gelockerten Maßnahmen könnt Ihr auf deren Homepage hier lesen, zu den Pflichten der Ungeimpften geht es hier.

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