Labbatical

(Foto: Philippedelavie / Pixabay)

Ende meines Laborjobs

Im Mai 2020, als mir zu Beginn der Corona-Krise die Aufträge wegbrachen, habe ich mir hier in Schweden eine Arbeit gesucht. Was eigentlich als befristeter Sommerjob gedacht war (deshalb liebevoll Labbatical genannt), hat sich dann doch 13 Monate hingezogen. Mittlerweile bin ich an meinen Schreibtisch zurückgekehrt. An meinen Erfahrungen über Schichtarbeit, Diversität und schwedischer Unternehmenskultur möchte ich Euch teilhaben lassen. Ein Must-have für alle, die nach Schweden auswandern wollen. Übrigens: der Beitrag bildet den Auftakt für eine ganze Reihe an Artikeln über das Arbeiten in Schweden. Abonniert meinen Blog, damit Ihr nichts verpasst!

Wenn Ihr diesen Beitrag lest, habe ich die ersten beiden Arbeitswochen am eigenen Schreibtisch schon wieder hinter mir. Ich bin froh, dass nun wieder Normalität eingekehrt ist. Der Abstecher ins Angestelltenverhältnis war richtig, hat er doch in einer turbulenten Zeit für finanzielle Sicherheit gesorgt. Aber längst sind die Aufträge wieder da und es ist Zeit, wieder aus diesem Corona-bedingten Zustand permanenter Alarmiertheit auszubrechen. Zwei Jobs sind kein Dauerzustand.

Nun kann ich beim Arbeiten wieder aus dem Fenster schauen und die Natur genießen. Das fehlte mir; das Labor war als Herzstück der Produktion strategisch in der Mitte des Betriebs angesiedelt. Über mir brannte die Neonröhre. Schaute ich aus dem Fenster, sah ich die Glasflaschen vorbeirattern. Die Frage nach dem Wetter hatte beim Schichtwechsel Tradition.

Vollkonti rund um die Uhr

Ich bin froh, dass ich nun wieder in Eigenregie meinen Tag gestalten kann. Planbarkeit ist essenziell für mich, um Kind, Kunden und all die anderen täglichen to-dos unter einen Hut zu bekommen. Im Labor war vor allem Flexibilität angesagt. In Mitten der Corona-Pandemie, als jeder Mitarbeiter angehalten war, bei den kleinsten Erkältungssymtomen zu Hause zu bleiben, musste immer jemand vertreten werden. Das Labor arbeitet aber vollkontinuirlich, also rund um die Uhr an sieben Tage die Woche. Nicht selten machte mich am Wochenende die SMS meiner Chefin wach, ob ich nicht einspringen könnte. Und so wurde der Blick aufs Handy zur Gewohnheit.

Laborarbeit bedeutet Routine

Und ich bin froh, dass ich mich nun wieder kreativ austoben kann. Jeder Artikel eröffnet mir neue Welten. „Stillstand ist der Tod“, singt Herbert Grönemeyer. Da hat er Recht, aber das Sterben fängt mit der Routine an.

Meine Chefin hatte mich im Vorfeld gefragt, ob mich die Laborarbeit nicht langweilen würde. Die Arbeiten seien leicht und schließlich hätte ich studiert. Nein, hatte ich sie beruhigt. Als Ernährungswissenschaftlerin hat mich der Einblick in die Lebensmittelindustrie gereizt. Allerdings haben sich meine Aufgaben mit der Zeit verändert. Als ich im September 2020 aus dem Sommerurlaub zurückkam, erwartete mich die Überraschung, dass eine Kollegin künftig ausschließlich die Nachtschicht übernehmen würde. Darüber war ich einerseits froh, bedeutete es nämlich, dass ich nur noch Früh- und Spätschicht machen musste. Andererseits bedeutete es auch, dass die alten Hasen die Stellung im Labor halten und ich Proben sortieren würde. Wenigstens erlaubten es die neuen Aufgaben, stundenmäßig kürzer zu treten. Aber ausgefüllt haben sie mich nicht.

Schweden mögen Wiederholungen

Generell habe ich mich oft unterfordert gefühlt. Bloß nicht zu viele neue Aufgaben auf einmal, war die Devise, damit es nicht zu viel wird. Stattdessen lieber alles noch einige Male wiederholen, bis man sich Neuem widmet. Das war mir damals schon im Sfi-Kurs aufgefallen. Wie oft hatte ich mich damals darüber geärgert, wenn ich mir mal wieder die Zeit abgerungen hatte, am Unterricht teilzunehmen, um am Ende doch wieder nur den gleichen Arbeitszettel auszufüllen. Wiederholen kann ich genauso gut zu Hause.

Mix der Generationen, Sprachen und Kulturen

Im Labor war es ähnlich. Meine Kolleginnen waren überzeugt, dass die Arbeitstage anstrengend waren und es viel Zeit braucht, sich einzuarbeiten. Dann waren sie froh, wenn alles seinen Gang ging. „So machen wir das seit 20 Jahren“, war der Satz, den ich am meisten hörte. Gefolgt von: „Es sind nicht wir, die bestimmen.“ Diese Hörigkeit den oberen Hierarchieebenen gegenüber ist mir bei der Generation der Babybommer schon oft begegnet. Im Berufsleben war dies eine neue Erfahrung für mich, denn in Deutschland war ich stets Teil von Teams, die vergleichsweise homogen aufgebaut waren. Meine Generation geht kameradschaftlich mit ihren Chefs um. Verbesserungsvorschläge sind ausdrücklich erwünscht. Aber die Industrie zieht auch in Schweden einen bunten Mix an Leuten an. Hier arbeiteten Menschen unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlichen Alters und Bildungsgrades zusammen. So viel Diversität ist spannend, birgt aber auch Konfliktpotenzial. Zu oft ist die Herangehensweise an Aufgaben völlig anders.

Wenn die Schicht vorher viel liegen lässt

Eine Episode habe ich bis heute nicht richtig verstanden. Eines Morgens, ich war gerade am Sortieren, schlich meine Chefin um mich herum. Ich merkte, dass sie nach einem ungestörten Moment suchte, um mit mir zu sprechen. Ich würde zu lange brauchen, sagte sie dann. Weil sie ja selbst manchmal dabei helfe, wisse sie, dass man in vier Stunden fertig sein könne. Ich schaute sie überrascht an und rechnete ihr vor, dass ich nicht länger brauchen würde – immerhin arbeitete ich nur Teilzeit. Und wie viel zu tun war, hing stark davon ab, wie viel in der Schicht zuvor liegen geblieben ist. Damit war das Gespräch erstmal beendet. Wochen später erzählte mir eine andere Kollegin, dass es offenbar eine geheime Absprache gab: ob nachts sortiert wurde, hing davon ab, wer die Frühschicht hatte. War ich das, konnte die Arbeit getrost liegen bleiben. Ich würde das schon nachholen. Das erklärte so manches.

Etwas von mir bleibt

Ich habe die Episode nicht als Mobbing verbucht. Ich weiß, dass die Nachtschicht ihren Aufgaben wirklich nicht gewachsen war und sie wahrscheinlich dachten, dass ich die Mehrarbeit locker auffange. Habe ich dann auch, indem ich die Arbeitsabläufte einfach komplett umstrukturiert habe. Auf diese Weise habe ich trotz Teilzeit nicht nur meine Arbeit geschafft, sondern auch die Reste der Schicht zuvor. Dafür gab es viel Applaus, aber keine Nachahmer; zu verliebt war man in die Gewohnheiten. Generell habe ich versucht, Dinge zu verbessern und Arbeitsabläufte zu straffen, wo immer es ging. So haben wir auf meine Initiative hin immerhin einen neueren Computer bekommen, bei den Laborwagen wurden die rostigen Räder ersetzt und nach einigen Monaten haben sich alle überzeugen lassen, dass eine andere Sortierweise nur Vorteile hat. Aber meiner Pivot-Tabelle hat die Chefin die rote Karte gezeigt: „Die Excel-Liste bleibt so, wie sie ist“, hat sie gesagt. Seufz. Soll mir recht sein. Dann zählen wir eben weiterhin manuell aus.

Bleiben oder gehen?

Irgendwann musste ich mich fragen, wie es weitergehen soll. Meine Aufträge waren längst wieder da; aber vor der Schicht und nach der Schicht noch am Schreibtisch zu sitzen, hat mich an meine Grenzen gebracht. In dem Zusammenhang habe ich mich natürlich auch gefragt, ob das Angestelltenverhältnis vielleicht dauerhaft wieder etwas für mich sein könnte. Ja, durchaus, wenn ich eine Perspektive gehabt hätte. Aber meine Chancen, aus dem Labor rauszukommen und einer Tätigkeit nachzugehen, die meiner Qualifikation entsprach, waren gleich Null. Also blieb nur die Kündigung.

Trotzdem wird es kein Abschied für immer sein. Ich bleibe dem Labor und meinen Kolleginnen als Vikarie erhalten. Wenn Not am Mann ist, springe ich ein und helfe. Damit kann ich leben 🙂


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2 Kommentare

    • Liebe Claudia,

      das freut mich riesig! Einfach auf der Startseite unten Deine Emailadresse hinterlassen. Dann kann es schon losgehen 🙂

      Herzlichen Gruß aus Schweden
      Inka

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