Skolan: Rückblick auf die erste Klasse in Schweden

Last Updated on 5. Juli 2024 by Inka

Unser Siebenjähriger hatte heute Morgen seinen letzten Schultag und freut sich nun auf zehn Wochen Sommerferien. Wie jedes Jahr wurde dieser besondere Tag mit einer feierlichen Schulabschlussveranstaltung gewürdigt. Und während wir jetzt am Nachmittag zuhause Kaffee trinken, Kuchen essen und uns die ersten Erdbeeren des Jahres schmecken lassen, lassen wir die erste Klasse Revue passieren. Wow, ist da viel passiert!

Diesmal waren wir besser vorbereitet: die Schulabschlussveranstaltung stand seit Wochen in unseren Kalendern drin. Wir freuten uns drauf; wir wussten, dass auch viele Eltern bei der feierlichen Veranstaltung dabei sein würden. Wer kann, nimmt sich nämlich dafür frei: sogar die Försäkringskassan hat im Vorfeld informiert, dass man an dem Tag vabben kann. Das schwedische Verb vabba leitet sich von VAB ab, der Abkürzung für Vård om barn, also Pflege eines Kindes. Man kann der Arbeit also fernbleiben und Krankengeld beantragen, genauso, wie man es bei einem kranken Kind tun würde. Ihr seht: Die Schulabschlussveranstaltung hat einen großen Stellenwert in Schweden. Kein Wunder: das Schuljahr ist geschafft und jetzt verabschieden sich die Kinder für zehn Wochen in die Sommerferien. Schon die Vorschulkinder werden deshalb richtig herausgeputzt: die Jungs tragen meist Hemden, die Mädchen bunte Sommerkleidchen. So manches hat zudem eine Frisur, die Mama wahrscheinlich am Morgen eine Stunde lang gelockt, geflochten und gesteckt hat.

Unsere Schule ist bei Veranstaltungen wie dieser immer in der Kirche zu Gast, einfach weil sie keine Aula hat. Aber weil Schweden Kirche und Staat nicht vermischt, sondern ziemlich voneinander trennt, gibt es keinen Gottesdienst. Stattdessen leitete die Gemeindereferentin in ihrer Begrüßung direkt auf die kurze Ansprache der Rektorin über, und die Schulkinder haben die einstudierten Lieder gesungen. Diesmal: Que Sera des schwedischen Musikduos Medina, das hier durch den Vorentscheid zum Eurovision Song Contest bekannt wurde. Der Psalm Den blomstertid nu kommer durfte allerdings trotzdem nicht fehlen; er ist in Schweden seit Jahrzehnten ein beliebtes Lied zu Schulabschlussveranstaltungen. Zum Text geht es hier.

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Erste Klasse in Schweden:

Keine Zeugnisse, sondern Entwicklungsgespräche

Letzter Programmpunkt der Schulabschlussveranstaltung war die Verleihung der Zeugnisse an die Schüler der sechsten Klasse. Sie verlassen jetzt die Schule hier im Ort, um die letzten drei Jahre ihrer Schulpflicht nach den Sommerferien an einer anderen Schule fortzusetzen. Die Zeugnisse nach der sechsten Klasse sind üblicherweise die ersten, die die schwedischen Schüler in der Hand halten. Sofern kein Lehrer etwas anderes bestimmt, werden die Eltern über die Leistungen ihrer Kinder bis dahin nur beim Utvecklingssamtal (dt.: Entwicklungsgespräch) informiert.

Das Utvecklingssamtal begleitet uns schon seit dem Kindergarten. Jetzt, in der ersten Klasse, hat unsere Klassenlehrerin die Eltern ihrer Schüler und Schülerinnen sogar zweimal dazu eingeladen. Wir haben dabei erfahren, dass unser Siebenjähriger in allen Fächern enorme Fortschritte gemacht hat. Im Schwedischen hat sein Einstufungstest ergeben, dass er voll im guten Durchschnitt liegt, was uns als Einwanderer besonders freut. In Mathe ist er seinen Altersgenossen sogar noch um einiges voraus: Da hat er schon den Test für die Zweitklässler mit Bravour gemeistert.

Erste Klasse in Schweden:

Voller Stundenplan mit vielen Fächern

Im Vergleich zur Vorschule hat sich der Stundenplan ordentlich verändert. Jetzt waren die einzelnen Unterrichtsstunden nicht mehr von ebenso langen Pausen unterbrochen. Stattdessen hatten die Erstklässler ein ordentliches Pensum zu bewältigen: die Woche umfasste drei lange Tage bis 13:30 Uhr und zwei kurze Tage bis 12:30 Uhr. Zu Schwedisch, Mathematik und Sport kamen jetzt noch weitere Fächer dazu. SO steht für Samhällsorienterande ämnen und ist in den schwedischen Grundschulen ein fächerübergreifender Unterricht aus Geographie (geografi), Geschichte (historia), Religion (religionskunskap) und Gemeinschaftskunde (samhällskunskap). NO steht entsprechend für Naturorienterande ämnen und umfasst die Fächer Biologie (biologi), Physik (fysik) und Chemie (kemi). TK steht für Technik (teknik).

Im Unterricht setzte die Lehrerin auf einen guten Mix aus Arbeitsheften und digitalen Werkzeugen. Der Laptop, den alle Kinder zur Verfügung gestellt bekommen haben, verblieb in diesem Schuljahr im Klassenraum; zu oft hatten ihn die Kinder aus den Jahrgängen zuvor morgens mit leerem Akku wieder mit in die Schule gebracht. Außerdem soll die Arbeit am Bildschirm wohl dosiert sein, findet unsere Klassenlehrerin. Die Kinder dürfen ihn sich deshalb zum Zeitvertreib nehmen, wenn sie ihre Aufgaben im Heft beendet haben. Drauf installiert sind zum Beispiel Schreib- und Rechenapps. Außerdem findet sie es den Eltern gegenüber nicht fair, die empfohlene Skärmtid (dt.: Bildschirmzeit) für Kinder schon in der Schule aufzubrauchen. Schließlich seien auch Eltern ab und an mal dankbar, wenn das Kind nach der Schule nochmal eine halbe Stunde beschäftigt ist. Ich glaube, nach diesem Satz beim Elternabend hatten alle Eltern sie direkt ins Herz geschlossen 🙂

Erste Klasse in Schweden:

Schwedisch, Englisch, aber leider kein Deutsch

Außerdem stand montags ein Wahlunterricht im Stundenplan, über den die Kinder selbst entscheiden durften. Schwedisch, Mathe oder Englisch standen zur Auswahl – was soll es sein? Die Klassenlehrerin war recht überrascht, dass sich die Klasse einstimmig ausgerechnet für Englisch entschieden hat. Aber gut, so sei es: sie hat sich also ein Lehrbuch gekauft und losgelegt. Schließlich soll man den Lerndrang der Kinder nicht bremsen.

Dafür fand der Muttersprachenunterricht, auf den jedes Kind mit anderssprachigen Eltern eigentlich Anspruch hat, nicht statt. Warum, war eine Weile unklar: erst war es die fehlende Lehrkraft, die ich mich zu ersetzen angeboten hatte; dann war die Mindestteilnehmerzahl von fünf Kindern nicht erreicht, weshalb ich bei den anderen Deutschen in der Gegend noch Klinken putzte. Erst ein Anruf bei der Kommun brachte ans Licht, dass der Kurs gerade digitalisiert wird und deshalb kein Lehrer mehr eingestellt wird. Wie der Unterricht dann aussehen wird, ist noch völlig offen. Ein Konzept, das auf Distanzunterricht ausgelegt ist, wäre praktisch; dann würden vielleicht mehr Eltern ihre Kinder dafür anmelden und die Lehrer müssten nicht mehr die Kinder aus verschiedenen Schulen bündeln, um die Mindestteilnehmerzahl zu erreichen. Andererseits frage ich mich, ob ein solcher Unterricht mit Grundschülern gut funktioniert. Vielleicht soll der Kurs dann auch nur die Bücher ersetzen und findet trotzdem in der Schule statt. Ich bin gespannt. Vor allem, wie lange es noch dauern wird.

Update: Nur zwei Tage nach Veröffentlichung dieses Beitrages war ein Brief von der Kommun in der Post. Die Digitalisierung ist abgeschlossen, so dass vom Schuljahr 2024/2025 an wieder ein Muttersprachenunterricht angeboten werden kann. Es wird tatsächlich ein Distanzunterricht für die Kinder ab der dritten Klasse sein, der außerhalb der Schulzeiten von zuhause stattfindet. Den nötigen Laptop haben die Kinder ja bereits.

Erste Klasse in Schweden:

Lese-Hausaufgaben jeden Tag

In Schweden bekommen die Schüler üblicherweise nur sehr wenig Hausaufgaben, die Grundschüler praktisch so gut wie gar nicht. Mit einer Ausnahme: jeden Tag gab es ein Lesepensum zu bewältigen, damit die Leseanfänger Routine bekommen. Gute zehn Bücher kamen übers Schuljahr so zusammen. Natürlich nicht im Umfang von „Krieg und Frieden“, sondern kindgerecht. Aber die Strategie ist aufgegangen: alle Kinder haben in der ersten Klasse lesen gelernt. „Das ist heute nicht mehr selbstverständlich“, weiß unsere Klassenlehrerin leider nur zu gut. Sie ist sehr stolz auf ihre kleine Rasselbande.

Das schwedische Schulsystem
Das schwedische Schulsystem umfasst folgende Schulformen (Skollag 2010:800):
FörskolaKindergarten
Förskoleklass (F-klass, auch 0:an)Vorschule
Grundskola mit lågstadiet (klass F-3),
mellanstadiet (4-6) und högstadiet (7-9)
Schule, Klasse 1 bis 9
Anpassad grundskola
(bis Juli 2023: Grundsärskola)
Angepasste Grundschule (für Kinder mit
geistiger Beeinträchtigung;
bis Juli 2023: Grundsonderschule)
SpecialskolaSpezialschule für Kinder mit sonstigen
Beeinträchtigungen, z.B. das Gehör betreffend
SameskolaSámi-Schule
GymnasieskolaGymnasium, Klasse 10-12
Anpassad gymnasieskola
(bis Juli 2023: Gymnasiesärskola)
Angepasstes Gymnasium (für Kinder mit
geistiger Beeinträchtigung;
bis Juli 2023: Gymnasiale Sonderschule)
Kommunal vuxenutbildning (Komvux)Kommunale Erwachsenenausbildung

Erste Klasse in Schweden:

Zusatzlehrerin für Kinder mit speziellen Bedürfnissen

Seit der Vorschule hat unsere Klassenlehrerin Unterstützung von einer zweiten Lehrerin. So eine Unterstützung wird hinzugezogen, wenn es in der Klasse Kinder mit besonderen Bedürfnissen gibt. Bei uns ist es ein hyperaktiver Junge, der mehr Aufmerksamkeit und Betreuung braucht als die anderen. Auf diese Weise lassen sich solche Kinder in Schweden in einer normalen Schule unterrichten. Was einfach und unkompliziert klingt, kann in der Praxis auch eine Herausforderung sein. Ein hyperaktives Kind ist sehr impulsiv; es fällt ihm schwer, still zu sitzen und ruhig zu sein. Das kann im Schulunterricht, wo sich die anderen Kinder auf ihre Aufgaben konzentrieren sollen, auch mal störend sein. Dass er beispielsweise auf dem Trampolin hüpfen darf, wenn die überschüssige Energie einfach raus muss, trägt nicht gerade zu einer ruhigen Arbeitsatmosphäre bei. Ich weiß nicht, wie viele Erwachsene es im Großraumbüro tolerieren würden, wenn ein Kollege oder eine Kollegin auf diese Weise seine/ihre Unruhe kompensiert, während sie selbst gerade Texte schreiben oder mit Kunden telefonieren. Da braucht es viel Verständnis von allen Seiten, damit dies funktionieren kann. Unser Sohn ist deshalb dankbar für die Lärmschutzkopfhörer, die die Schule jedem Kind zur Verfügung stellt. Wenn dann mal wieder zu viel Trubel um ihn herum ist, zieht er sie einfach auf und schirmt sich von der Außenwelt ab.

Erste Klasse in Schweden:

Herbstkonzert in der Kirche, Adventsnachmittag in der Schule

Im Herbst hat die Schule wieder zum Herbstkonzert eingeladen. Eine Stunde lang haben die Kinder von der Vorschule bis zur Klasse drei für ihre Familien und die Gemeindemitglieder in der Kirche gesungen. Das Thema diesmal: Astrid Lindgren. Wer wollte, durfte sich auch als eine Figur aus den Astrid-Lindgren-Büchern verkleiden. Lustig war, dass die Textsicherheit von Lied zu Lied stark variierte; während bei manchen Liedern eher gesummt wurde, stimmten bei Här kommer Pippi Långstrump wirklich alle Kinder mit ein. Ein echter Gänsehautmoment.

Die Lieder vom Herbstkonzert
„Hujedamej, sånt barn han var!“ (aus: Michel von Lönneberga)
„Sjörövarfabbe“ (aus: Pippi Langstrumpf)
„Lille katt (aus: Michel von Lönneberga)“
„Ge mig mera köttbullar (aus: Madiken und Pim)“
„Oppochnervisan (aus: Michel von Lönneberga)“
„Världens bästa karlsson“ (aus: Karlsson auf dem Dach)
„Luffarvisan“ (aus: Rasmus und der Vagabund)
„Pilutta-visan (aus: Madita)“
„Falukorvsvisan“ (aus: Wir Kinder von Bullerbü)
„Mors lilla lathund“ (aus: Pippi Langstrumpf)
„Fi fi fi filura“ (aus: Karlsson auf dem Dach)
„Bara en liten hund“ (aus: Karlsson auf dem Dach)
„Bom sicka bom“ (aus: Michel von Lönneberga)
„Här kommer Pippi Långstrump“ (aus: Pippi Langsstrumpf)
„Vad det är bra att jag har dig“ (aus: Nils Karlsson Däumling)
„De Hjältemodiga“ (aus: Kalle Blomkvist)

In der Vorweihnachtszeit gab es außerdem noch einen Adventsnachmittag. Die Erstklässler hatten in den Wochen zuvor Weihnachtslieder einstudiert und sie irgendwann an einem Donnerstag im Klassenraum ihren Eltern und Geschwistern vorgetragen – natürlich auch verkleidet: als Jultomte, als Schneemann, als Pepparkaksgubbe (dt. Pfefferkuchenmännlein) und als Stjärngosse (dt. Sternsinger).

Erste Klasse in Schweden:

Schwimmen und Seifenfußball im Sportunterricht

Und so schritt das Schuljahr voran. Im Frühjahr ist die Schulklasse im Rahmen des Sportunterrichts wieder ins Schwimmbad gefahren, um das Schwimmen weiter zu verbessern. Doch irgendwann waren die Arbeitshefte durchgearbeitet und den Lehrerinnen fiel es zunehmend schwerer, die Kinder sinnvoll zu beschäftigen. Zum Glück spielte endlich das Wetter mit und lud zu Draußenaktivitäten ein: einen Ausflug ins Schwimmbad oder Såpfotboll (auch Såpafotboll, auf dt: Seifenfußball). Ja, ihr habt richtig gehört: Seifenfußball wird draußen auf einer Plastikplane gespielt, die mit Seifenwasser besprüht wird. Ob der Ball am Ende im Tor landet, ist bei der Gaudi völlig nebensächlich: das Schlittern und Ausrutschen macht natürlich am meisten Spaß.


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