Förskoleklassen: Rückblick auf ein Jahr Vorschule in Schweden

Zum Andenken an das Vorschuljahr in Schweden gab es zum Abschluss sogar ein Zeugnis.

Last Updated on 28. September 2023 by Inka

Und schon wieder ist ein Jahr vergangen: dabei es fühlt sich doch an, als hätten wir erst gestern den Kindergarten hinter uns gelassen! Und nun hat Sohnemann schon die Vorschule beendet und ist ein Erstklässler. Es ist wieder Zeit für einen kleinen Rückblick.

Letztens auf Facebook schwärmte eine Mama über die schwedische Vorschule. Sie schrieb: „Hier in Schweden gibts ne obligatorische Vorschule für alle Kinder ab dem Jahr in dem sie 6 werden. Dort lernen sie erstmal sich zu konzentrieren und eine Weile stillzusitzen. Und in die erste Klasse beginnt dann mit 7. Finde ich perfekt gelöst.“

„Hmm“, habe ich gedacht. Ist das so? Nun, völlig falsch ist ihre Beschreibung natürlich nicht. Selbstverständlich sind die Lerneinheiten der Kinder altersgerecht gestaltet und noch von ebenso langen Spieleinheiten unterbrochen. Doch ihre Beschreibung lässt auch sehr viel weg. Der Lehrauftrag, dem die schwedischen Vorschulen seit Januar 2018 gerecht werden sollen, fehlt irgendwie völlig. Ihre Beschreibung lässt vermuten, dass vor allem gespielt wird und lernmäßig noch nicht viel passiert. Vielleicht ist das an der Vorschule ihrer Kinder so, denn die Umsetzung des schwedischen Schulgesetzes obliegt den Schulen und hat entsprechend große Unterschiede. Vielleicht basiert ihre Erfahrung auch auf der Zeit, bevor die Förskoleklassen für alle Kinder verpflichtend wurde. Denn mittlerweile geht die Vorschule für die Kinder mit einem ordentlichen Pensum einher.

Schwedische Vorschule bringt alle auf’s gleiche Niveau

2017 hat Schweden nämlich beschlossen, die Schulpflicht auf die Förskoleklassen auszuweiten; bis dahin war der Besuch der Vorschule freiwillig.

„Alle Kinder sollen einen guten Schulstart haben. Die Vorschulklasse bietet einen gleichberechtigten Start in die Entdeckung von Sprache, Mathematik und anderen Fähigkeiten. Die Kombination von Vorschul- und Grundschulpädagogik bietet die Möglichkeit, alle Kinder dort abzuholen, wo sie stehen, und stärkt die Rolle und Verantwortung der Vorschule in einem zusammenhängenden Schulsystem“, sagte Bildungsminister Gustav Fridolin damals.

Alla barn ska få en bra start in i skolan. Förskoleklassen ger en jämlik start i barns upptäckande av språk, matematik och andra kunskaper. Mötet mellan förskolans och grundskolans pedagogik ger en möjlighet att möta alla barn där de är, och det här stärker förskoleklassens roll och ansvar i ett sammanhållet skolsystem.Gustav Fridolin

Stundenplan mit Mathe, Schwedisch und Sport

Damit dieses Vorhaben gelingt, haben auch die Vorschulkinder schon Unterricht mit einem richtigen Stundenplan. Und sie können nach dem einen Jahr schon einiges vorweisen: In Mathematik haben sie die Zahlen bis etwa 100 gelernt und das Rechnen damit. In Schwedisch haben sie die Buchstaben lesen und schreiben gelernt. Die einen Kinder können jetzt schon ganze Sätze lesen, andere erst einzelne Wörter. Im Sportunterricht haben sie viele verschiedene Sachen gemacht: mal war in der Turnhalle ein Parcours aufgebaut, mal sind sie bei richtig tollem Wetter einfach nach draußen auf den Spielplatz gegangen. Das Allerbeste aber waren die zwölf Wochen, in denen sie ins Schwimmbad nach Tingsryd gefahren sind und schwimmen gelernt haben.

Und natürlich haben sie gelernt, sich zu konzentrieren und eine Weile stillzusitzen. Außerdem gab es in der Vorschule plötzlich mehr Regeln, alles ging strukturierter zu. Auch für uns Eltern! Die einen lernten, ihr Kind morgens pünktlich abzuliefern, andere, ihm Obst und Gemüse für die Frukstund mitzugeben. Meine persönliche Herausforderung war die rote Mappe: Jedes Kind hatte eine, in dem es die Zettel mit den wichtigen Infos an die Eltern mitgegeben bekommen hat. Deshalb galt die Regel: die rote Mappe muss jeden Tag mit nach Hause genommen und am nächsten Tag wieder mit in die Vorschule gebracht werden. Auch, wenn sie leer war – ich habe meine Rüge am nächsten Tag tapfer hingenommen.

In dieser Mappe lagen Ende Oktober plötzlich viele Arbeitszettel drin. Das kam unerwartet, denn es kommt selten vor, dass die schwedischen Schulkinder zuhause noch Hausaufgaben erledigen müssen. Diese Zettel waren aber nicht als Hausaufgabe, sondern zum Nachholen gedacht: es waren die Übungszettel, die in den zwei Wochen seiner Abwesenheit bearbeitet wurden. Ihr habt richtig gelesen: Trotz Schulpflicht ist es in Schweden völlig unproblematisch, die Kinder auch mal für eine Woche oder zwei beurlauben zu lassen. Hier gilt gleiches Recht für alle: auch Lehrer fahren gerne mal mitten im Schuljahr weg. Wir mussten von der Möglichkeit Gebrauch machen, als nach zwei Jahren Corona-Pause endlich eine Hochzeit in Deutschland stattgefunden hat. Durch das Verschieben hatte niemand auf dem Schirm, dass er dann schulpflichtig sein würde.

Mit dem Schulbus durchs ländliche Schweden

Da die Vorschulkinder in Schweden also der Schulpflicht unterliegen, muss für sie ein sicherer Schulweg gewährleistet sein. Das beinhaltet auch, dass kein Kind benachteiligt sein darf, nur weil seine Eltern vielleicht kein Auto haben oder meinen – so wie wir – irgendwo alleine am Wald wohnen zu müssen. Deshalb sind alle Kommunen in Schweden verpflichtet, diesen Kindern eine Fahrgelegenheit zu organisieren: den sogenannten Skolskjuts. Bei uns in der Tingsryds kommun haben die Vorschulkinder einen Anspruch auf kostenlosen Transport mit dem Schulbus, wenn sie mindestens zwei Kilometer von der Schule entfernt wohnen und mindestens 0,8 Kilometer bis zur nächsten Bushaltestelle zurücklegen müssten. Je älter die Kinder werden, umso größere Entfernungen traut man ihnen hierbei zu. Es ist hier also in Schweden auf dem Land völlig normal, morgens die Teenager auf dem Weg zur nächsten Bushaltestelle die Bundesstraße entlanglaufen zu sehen. Ich bin immer heilfroh, wenn sie im Winter wenigstens eine Jacke mit Reflektorstreifen tragen.

Bis Sohnemann die Bundesstraße entlanglaufen wird, vergehen noch ein paar Jahre. Jetzt ist er erstmal in dem Alter, in dem ihn der Schulbus zuhause abholt und wieder nach Hause bringt. Im Vorschuljahr haben wir auf diesen Service allerdings verzichtet. Er hätte fast eine Stunde früher aufstehen müssen, weil der Schulbus eine Weile unterwegs ist, bis er seine Runde von Hof zu Hof gedreht und alle Kinder eingesammelt hat. Nachmittags wäre der Schulbus direkt nach der Vorschule gefahren, dann hätte er die Nachmittagsbetreuung nicht nutzen können. Also haben wir die fünf Kilometer täglich mit dem Auto zurückgelegt und das Abenteuer „alleine im Schulbus“ auf die erste Klasse verschoben.

Betreuung in der Fritids davor und danach

Auch beim Abliefern morgens gab es Regeln, die alle einhalten sollten. Dazu gehörte zum Beispiel, dass die Eltern morgens das Gebäude nicht betreten durften, sondern ihre Kinder nur abliefern. Das diente im Herbst, Winter und Frühjahr vor allem dem Infektionsschutz, weil die Corona-Zahlen wieder stiegen. Bei Regen und Kälte draußen vor der Tür zu warten, während die Fritids-Kinder nach ihrem Frühstück im Speisesaal an uns vorbeiliefen und direkt ins Gebäude gingen, war manchmal etwas seltsam.

Die Fritids ist die Freizeitbetreuung in Schweden für die Zeiten rund um die Vor- und Grundschule. Recht auf diesen Service haben alle Erziehungsberechtigten, die arbeiten, studieren oder eine Ausbildung machen, für ihre Kinder von 6 bis 13 Jahren. Denn die Schulzeiten bringen auch die berufstätigen Elternteile in Schweden ziemlich in die Bredouille. Wer beispielsweise im ICA arbeitet und morgens um 8 Uhr den Laden aufschließen soll, müsste sich zerteilen, um beidem gerecht zu werden. Solche Eltern haben deshalb das Glück, ihr Kind schon vor der ersten Stunde und/oder nach der Schule betreuen zu lassen. Damit man immer weiß, wo es sich gerade befindet, macht das Smartphone dann irgendwann pling: „[Name] är nu incheckad på fritids“. Die Mitteilung kommt von der IST-App, mit der unsere Schule arbeitet. Ihr werde ich wohl demnächst mal einen eigenen Beitrag widmen. Bis dahin nur so viel: Dort ist alles erfasst, was zur Organisation wichtig ist: die Ferien, die Stängningsdagar, die Krankheitstage, die Fritids-Zeiten und welche Person an welchem Tag mit dem Abholen betraut ist.

Das schwedische Schulwesen
Das schwedische Schulwesen umfasst folgende Schulformen (Skollag 2010:800):
FörskolaKindergarten
FörskoleklassVorschule
GrundskolaGrundschule
Anpassad grundskola
(bis Juli 2023: Grundsärskola)
Angepasste Grundschule (für Kinder mit
geistiger Beeinträchtigung;
bis Juli 2023: Grundsonderschule)
SpecialskolaSpezialschule für Kinder mit sonstigen
Beeinträchtigungen, z.B. das Gehör betreffend
SameskolaSámi-Schule
GymnasieskolaGymnasium
Anpassad gymnasieskola
(bis Juli 2023: Gymnasiesärskola)
Angepasstes Gymnasium (für Kinder mit
geistiger Beeinträchtigung;
bis Juli 2023: Gymnasiale Sonderschule)
Kommunal vuxenutbildning (Komvux)Kommunale Erwachsenenausbildung

Schweden hat zehn Wochen Sommerferien

Mit der Fritids ist die Kinderbetreuung in Schweden auch die gesamten Sommerferien über gesichert. Die schwedischen Kinder haben fast zehn Wochen frei, und zwar im ganzen Land nahezu gleichzeitig. Da haben die Klassenkameraden und -kameradinnen meines Sohnes, deren Eltern getrennt leben, einen klaren Vorteil: weil diese getrennten Eltern meist keinen gemeinsamen Familienurlaub machen, kann das Kind dann die ersten fünf Wochen bei dem einen und die anderen fünf Wochen bei dem anderen Elternteil verbringen. Die Kinder im intakten Elternhaus müssen meistens wohl oder übel einen Teil ihrer Ferien in der Fritids verbringen – es sei denn, Opa und Oma springen ein. Denn sooo lange ist der Sommerurlaub der schwedischen Eltern nun auch wieder nicht. Das Schöne ist aber: man kann die Betreuungszeiten frei wählen. Wir haben Sohnemann zum Beispiel nur von 10:00 bis 15:00 Uhr hingebracht. Dann ist wenigstens Ausschlafen drin und auch nachmittags noch Zeit für andere Ferienaktivitäten zuhause.

Einladungen zum Sport und zum Geburtstag

Apropos Aktivitäten: Mit Eintritt in die Vorschule flatterten plötzlich viele, viele Einladungen ins Haus. Zum Beispiel von den hiesigen Vereinen, die neue Mitglieder gewinnen wollten: die Eishockeysparte und die Schlittschuhsparte vom Tingsryds AIF, der Fußballverein, der Handballverein, der Luftgewehrverein. Oder von der Kirche, die alle Kinder einmal pro Woche zum Kindernachmittag mit Fikapaus, Basteln und Singen eingeladen hat. Sohnemann hat einige Angebote ausprobiert, aber dauerhaft begeistert hat ihn nichts. Wir haben unsere Lieblingsaktivität bei Facebook gefunden: die Pfadfinder! Als Sechsjähriger ist er noch zu jung für eine vollwertige Mitgliedschaft, deshalb muss ich als Familienmitglied mit. Und nun fahren wir jeden zweiten Mittwochabend in den Nachbarort und lernen, wie man Feuer macht oder wie man aus zwei Ästen und einer dicken Jacke eine Trage baut. Papa hat das Hajk-Wochenende begleitet: 24 Stunden zelten.

Und mindestens ebenso viele Einladungen zu Geburtstagsfeiern. Ein paar Kinder hatten zwar schon zu Kindergartenzeiten eingeladen, aber nun machten mehr Kinder mit. Schwedentypisch werden immer alle Klassenkameraden eingeladen, aber nicht alle nehmen die Einladung an.

Herbstkonzert in der Kirche

Im Herbst gab es noch ein besonderes Highlight: die Vorschulkinder hatten ihren ersten Auftritt. Zusammen mit den Grundschulkindern haben sie für ihre Familien und die Gemeindemitglieder in der Kirche gesungen. Eine ganze Stunde dauerte das Höstkonsert, wobei die Kinder je nach Altersgruppe unterschiedlich lange Einsätze hatten. Wochenlang vorher summte Sohnemann die Lieder, die er in Vorschule und Fritids gelernt hatte. Auch die anderen Kinder waren fleißig: selbst beim Einkaufen im ICA konnte ich irgendwelchen Kindern zuhören, wie sie „Banan Melon Kiwi & Citron“ übten.

Die Lieder vom Herbstkonzert
„Äppelmelodin“
„Asken“
„Champinjon“
„Gubben i lådan“
„Ett gamalt fult o elakt troll“
„Baby haj“
„Krakel spektakel“
„Lillebror“
„Min ponny“
„Här dansar herr gurka“
„Blommig falukorv“
„Teddybjörnen Fredriksson“
„Sudda sudda“
„Rockspindlen“
„Sätt ett finger“
„Goliat“
„Vill du inte ut o leka“
„Jag är din bäste vän“
„Äppelmelodin“

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