Förskolan

Der pärm ist mit Erinnerungen an vier Jahre Kindergarten in Schweden gefüllt.

Erinnerungen an vier Jahre schwedischen Kindergarten

Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen: die Eingewöhnungstage für die Kita bzw. den Kindergarten, hier auch inskolning (dt. Einschulung) genannt. Sohnemann war damals 13 Monate alt. Mittlerweile sind viereinhalb Jahre vergangen und der Schritt zum nächsten Lebensabschnitt steht bevor: der Wechsel in die Vorschule. Zeit für einen kleinen Rückblick.

Am letzten Tag war der Kindergarten mit Luftballons geschmückt; es gab Eis und alle Kinder der Stjärnan-Gruppe haben ihren großen Pärm überreicht bekommen. Die Kinder der Stjärnan-Gruppe sind nämlich Jahrgang 2016 und werden nach den Sommerferien in die Vorschule wechseln. In Schweden ist es nämlich nicht irgendein ein Stichtag in der Jahresmitte, der über die Einschulung entscheidet, sondern das Geburtsjahr.

Für jedes Kind haben die Kindergärtnerinnen einen solchen Pärm angelegt. Der Pärm ist ein großer Ordner, der mit Erinnerungen an besondere Momente der Kindergartenzeit gefüllt ist: mit Fotos vom Ausflug auf den Spielplatz, von Bastelleien zu Weihnachten, kurzen Zitaten. Einmal sitzt unser Kleiner beim Ausflug ins Grüne auf den Knien seiner Kindergärtnerin. Ein anderes Mal wurde er beim Basteln fotografiert, die nächste Seite zeigt ihn beim Plätzchen backen. Auf einem Foto hört er sich mit den anderen Kindern Geschichten mit Polyglutt an, auf anderen ist der Bamseloppet verewigt. Vor allem aber dokumentiert er stichpunktartig, wie der pädagogische Lehrplan umgesetzt wurde.

Der Kindergarten als Teil des schwedischen Schulwesens

Schweden hat schon dem Kindergarten ein eigenes Kapitel im Skollag (2010:800) gewidmet: Kapitel 8 Förskola. Zuvor solltet Ihr noch wissen, dass im Schwedischen nicht zwischen Kindertagesstätte und Kindergarten unterschieden wird. Alles, was vor der Vorschule kommt, wird unter Förskola zusammengefasst. Das Skollag legt fest, welche Rechte und Pflichten Kinder, Schüler und Erziehungsberechtigte haben und welche Anforderungen deshalb an die Einrichtungen gestellt werden. So haben Kinder ab dem dritten Lebensjahr das Recht auf 525 Stunden Betreuungszeit im Jahr. Sind die Eltern zuhause, weil sie zum Beispiel arbeitslos sind oder ein Geschwisterkind betreuen, darf das Kind nur drei Stunden täglich in den Kindergarten gehen. In Schweden sind nämlich in erster Linie die Eltern für die Betreuung ihrer Kinder zuständig; der Staat unterstützt dabei nur, damit die Eltern studieren oder arbeiten können.

Skolväsendet omfattar skolformerna
– förskola,
– förskoleklass,
– grundskola,
– grundsärskola,
– specialskola,
– sameskola,
– gymnasieskola,
– gymnasiesärskola och
– kommunal vuxenutbildning.Skollag (2010:800)

Das schwedische Schulwesen umfasst die Schulformen: förskola, förskoleklass, grundskola, grundsärskola, specialskola, sameskola, gymnasieskola, gymnasiesärskola und kommunal vuxenutbildning.

Betreuung für umgerechnet rund 150 Euro pro Monat

Der Kindergarten-Platz ist auch in Schweden nicht umsonst. Wenigstens sind die Gebühren überall in Schweden gleich hoch; es spielt für Eltern also keine Rolle, ob sie ihr Kind in Stockholm zum Kindergarten bringen oder in irgendeinem kleinen Dorf auf dem Land. Trotzdem zahlen nicht alle Eltern monatlich den gleichen Beitrag, denn bei der Berechnung wird das Einkommen herangezogen. Je mehr Geld einem Haushalt zur Verfügung steht, desto teurer ist der Kindergarten: für das erste (bzw. jüngste) Kind fallen drei Prozent des steuerpflichtigen Haushaltseinkommens an, für das zweite (bzw. mittlere) Kind zwei Prozent, für das dritte (bzw. älteste) Kind ein Prozent. Das Vierte und alle weiteren Kinder laufen kostenlos mit. Zudem ist das Einkommen gedeckelt. Die geltenden Obergrenzen werden jährlich vom Skolverket veröffentlicht und sind in jeder der 290 schwedischen Kommunen identisch.

Vom 1. Januar 2019Vom 1. Januar 2021Vom 1. Januar 2022
Einkommensobergrenze47.490 Kronen
50.340 Kronen52.410 Kronen
Kind 13 Prozent des Haushalts-
einkommens bis max.
1.425 Kronen1.510 Kronen1.572 Kronen
Kind 22 Prozent des Haushalts-
einkommens bis max.
950 Kronen1.007 Kronen1.048 Kronen
Kind 31 Prozent des Haushalts-
einkommens bis max.
475 Kronen 503 Kronen 524 Kronen
Quelle: Skolverket unter www.skolverket.se

Frühstück, Fruktstund, Mittag und Mellanmål all inclusive

Im Preis enthalten: sämtliche Mahlzeiten. Unser Kindergarten serviert um 8 Uhr das Frühstück, gegen 10 Uhr eine Frukstund, um 11:30 Uhr das Mittagessen und gegen 14:30 Uhr noch ein Mellanmål. Seit 2011 ist im schwedischen Skollag zusätzlich festgeschrieben, dass diese Mahlzeiten nährstoffreich sein müssen und etwa ein Drittel des täglichen Energie- und Nährstoffbedarfs decken sollen. Um dies sicherzustellen, hat das schwedische Livsmedelsverket Richtlinien und Empfehlungen herausgegeben, an denen sich die Schulküchen freiwillig orientieren können. 44 Prozent der verwendeten Zutaten haben bei unserem Kindergarten sogar Bio-Qualität.

Während der Einschulung damals war ich zum Mitessen eingeladen und konnte mir selbst ein Bild davon machen. Lecker wars – frisch, warm, abwechslungsreich und ausgewogen. Auf Schweinefleisch wird verzichtet und nicht selten hat die Bolognese-Sauce Soja-Basis. Positiv überrascht war ich vom Brot, das auch zum Mittagessen eine feste Beilage gereicht wird. Serviert wird nämlich kein Gesüßtes, sondern vor allem Knäckebrot. Für meinen Geschmack hätte es allerdings weniger Süßes geben können. Eis, wenn ein Kind Geburtstag hat, Pannkakor zum Mellanmål

Der schwedische Kindergarten als Vermittler von Wissen und Werten

Was die Kinder aus ihrer Zeit im Kindergarten mitnehmen sollen, gibt das Skollag ebenfalls vor und wird durch den Lehrplan des Skolverkets konkretisiert. So sollen die Kinder im täglichen Rhythmus aus Ruhe, Spielen und altersgerechtem Unterricht zum Weiterentwickeln animiert werden und eine lebenslange Lust am Lernen entwickeln. Die Aktivitäten sollen hierbei so zusammengestellt sein, dass sie den Kindern möglichst viel Abwechslung bieten und ihre Fähigkeiten und Interessen erweitern, ohne durch Geschlechterstereotypen eingeschränkt zu werden. Er sensibilisiert sie früh für die Ziele der UN-Kinderrechtskonvention, nach der sie Rechte haben, sich beteiligen und beeinflussen dürfen. Ein hoher Stellenwert hat deshalb auch die Sprache: Der Kindergarten soll die Sprachentwicklung der Kinder nicht nur im Schwedischen fördern, sondern auch in den schwedischen Minderheitensprachen, den Mutter- und Gebärdensprachen. Zudem ist der Kindergarten ein sozialer und kultureller Treffpunkt, der das Verständnis der Kinder für den Wert von Vielfalt fördern soll. Kein Kind darf aufgrund seines Geschlechts, seiner Geschlechtsidentität oder -ausdrucks, seiner ethnischen Zugehörigkeit, Religion oder einer anderen Überzeugung, einer Behinderung, der sexuellen Orientierung oder des Alters diskriminiert oder einer anderen missbräuchlichen Behandlung ausgesetzt werden. All das dient dazu, dass das Kind Interesse und Verantwortungsbewusstsein zur aktiven Teilhabe an der Gesellschaft und für eine nachhaltige Entwicklung in wirtschaftlicher, sozialer und ökologischer Hinsicht entwickelt.

Das Kind als wertvoller Teil der schwedischen Gesellschaft

In Schweden haben Kinder einen ganz besonderen Stellenwert. Während in Deutschland gerade Restaurants und Schwimmbäder von sich reden machen, weil sie ihnen den Eintritt verwehren, gehören sie in Schweden ganz selbstverständlich mit dazu. Trotzdem müssen auch schwedische Eltern Kind und Job unter einen Hut bekommen. Und weil in Schweden üblicherweise beide Elternteile arbeiten gehen, sind sie auf Betreuungsangebote angewiesen. Deshalb rümpft auch niemand die Nase, wenn das Kind mit einem Jahr in den Kindergarten kommt – das ist völlig normal. Schon im Kindergarten bekommen die Kinder beigebracht, Rücksicht aufeinander zu nehmen. Ausgelassenes, fröhliches Spielen: ja, bitte! Rumschreien: bitte nicht. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass schwedische Eltern ihre Kinder dazu anspornen, es den Anderen „mal so richtig zu zeigen“. Eine Aussage, die ich zumindest von deutschen Eltern immer wieder höre. Da diese Ermutigung ja behinhaltet, dass sie anderen Kindern ihre Überlegenheit demonstrieren sollen, widerspricht sie eigentlich dem Kern des schwedischen Wesens. In Schweden kommt es eher komisch rüber, wenn sich jemand hervortut. Zurückhaltung und Bescheidenheit sind typische Charakterzüge, die einem im Alltag immer wieder begegnen. Diese Werte werden schon vom Kindergarten vermittelt. Er bringt schon den Kleinsten bei, dass man sich gegenseitig ausredet lässt und alle gehört werden. Später haben die Kinder der Stjärnan-Gruppe gemeinsam eine Lösung erarbeitet, wie sich das Gruppen-iPad gerecht zwischen allen aufteilen lässt. Und wusstet Ihr, dass zu den Kindergeburtstagen traditionell die ganze Gruppe oder die ganze Klasse eingeladen wird?

Regelmäßiges Feedback an die Eltern im Utvecklingssamtal

Welche Fortschritte die Kinder dabei machen, bekommen die Eltern regelmäßig in einem Utvecklingssamtal (dt.: Entwicklungsgespräch) mitgeteilt. Üblicherweise findet es jährlich statt; in den Corona-Jahren 2020 & 2021 haben die Kindergärtnerinnen allerdings nur dazu eingeladen, wenn Redebedarf bestand. Für uns also eigentlich ein Grund zur Freude, dass unser Gespräch ausfallen musste; allerdings haben wir die Gelegenheit zum Austausch auch vermisst. Wir erfahren gerne, was unser Kleiner macht und wie er sich entwickelt. Anfangs haben wir uns viel darüber unterhalten, ob er sich gut eingelebt hat, wie es mit dem Töpfchen und dem Mittagsschlaf klappt und welche Fortschritte er beim selbstständigen Essen und Trinken macht. Später war oft die Sprache ein Thema; immerhin muss er den doppelten Wortschatz aufbauen als andere Kinder. Und immer wieder ging es um seine Interessen: was ihm Freude macht, wie er sich integriert und seine Rolle in der Gruppe. Dass er immer eine Idee hat, mit der er andere begeistert, haben wir erfahren. Und dass ihm andere Kinder gerne folgen. Im letzten Utvecklingssamtal ging es vor allem um den Wechsel in die Förskoleklassen. Aus Sicht seiner Kindergärtnerinnen ist er absolut reif dafür.

Bald geht es in die schwedische Förskoleklassen

Unser Fünfjähriger wird mit dem Wechsel in die Förskoleklassen schulpflichtig sein. 2017 hat Schweden die Schulpflicht von der ersten Klasse auf die Förskoleklassen ausgeweitet; bis dahin war sie freiwillig. „Alle Kinder sollen einen guten Schulstart haben. Die Vorschulklasse bietet einen gleichberechtigten Start in die Entdeckung von Sprache, Mathematik und anderen Fähigkeiten. Die Begegnung von Vorschul- und Grundschulpädagogik bietet die Möglichkeit, alle Kinder dort abzuholen, wo sie stehen, und stärkt die Rolle und Verantwortung der Vorschulklasse in einem zusammenhängenden Schulsystem“, sagte Bildungsminister Gustav Fridolin damals.

Wenn wir unseren Fünfjährigen fragen, was er von der Förskoleklassen hält, kriegen wir unterschiedliche Antworten. Mal freut er sich drauf, mal weniger. Er mag es nicht, wenn er nicht weiß, was auf ihn zukommt. Dabei tappt er kaum im Dunkeln, immerhin hat er mit seiner Stjärnan-Gruppe schon zwei Ausflüge in die Förskoleklassen gemacht und sich dort alles angesehen. Das neue Angebot an Spielsachen gefällt ihm jedenfalls schon mal gut. Außerdem wird er künftig seine Mahlzeiten im Speisesaal einnehmen, so wie die großen Kids, und nicht mehr in den Räumlichkeiten des Kindergartens. Davon abgesehen ändert sich der Tagesablauf kaum. Die Kinder werden in Schweden sehr behutsam an die Schule herangeführt – seine Lerneinheiten werden von doppelt so langen Pausen unterbrochen sein. Und: eine Kindergärterin aus der Förskolan wird mit hinüberwechseln. „Es ist mein letztes Jahr, bevor ich in Pension gehe. Und die Gruppe war sooo toll – da habe ich mich entschlossen, mich beruflich noch mal zu verändern und die Gruppe zu begleiten“, sagt sie. Na, wenn das keine tollen Aussichten sind 🙂



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